Letztes Update am Sa, 26.10.2019 07:49

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


26. Oktober

Österreichs Geschichte: „Selbstkritischer Stolz“ zum Nationalfeiertag

Monika Sommer ist Direktorin im „Haus der Geschichte Österreich“. Sie will die Vielfalt des Landes unterstreichen und Mythen hinterfragen.

Alte Urkunde, aktuell aufgeladen: Die frühe Erwähnung des Namens sollte die österreichische Identität stärken. Bundespräsident Alexander Van der Bellen mit dem historischen Dokument.

© Peter LechnerAlte Urkunde, aktuell aufgeladen: Die frühe Erwähnung des Namens sollte die österreichische Identität stärken. Bundespräsident Alexander Van der Bellen mit dem historischen Dokument.



Die Geschichte Österreichs ist in Ihrem Museum jetzt in ihrer ganzen Spannbreite zu sehen, von der Ostarrichi-Urkunde bis zum EU-Beitritt und dem Song-Contest-Kleid von Conchita Wurst. Welches Ausstellungsstück ist das österreichischste?

Monika Sommer: Unsere Sammlung reicht noch weiter, bis zu den Demonstrationen am Ballhausplatz am Tag nach dem Ibiza-Video. Aber welches Objekt ist das österreichischste? Wir verwehren uns dagegen, Österreich auf ein Objekt zu reduzieren. Österreich ist so vielfältig. Es gibt so viel, was man differenziert erzählen und darstellen muss. Wir haben deswegen auch nicht die eine Ikone für unser Museum. Wir zeigen auch die Ostarrichi-Urkunde vor dem Hintergrund der Frage, wie dieses Dokument nach 1945 verwendet wurde. Es war eine sehr geschickte Überlegung des damaligen Unterrichtsministers Felix Hurdes, der ein Gründungsdokument des neuen Österreich gesucht hat. Da ist man auf diese Urkunde gestoßen und hat 1946 als Jubiläumsjahr „950 Jahre Österreich“ ausgerufen.

Was ist Österreich?

Sommer: Österreich besteht aus vielfältigen Erfahrungen. Es gibt natürlich Objekte, die bezeichnend sind. Etwa der Behang der Kaiserloge des Parlaments. Das ist ein wunderschönes Objekt, das aber auch davon erzählt, dass Kaiser Franz Josef nie im Parlament eine Debatte verfolgt hat. Man kann aber auch unsere Postkarten von Jan Kupiec sehr österreichisch verstehen. Er hat das Konzentrationslager Auschwitz überlebt und die dort erlebten Gräuel in Zeichnungen auf der Rückseite von Ansichtskarten mit Österreichmotiven festgehalten.

Kann man Österreich definieren?

Sommer: Als demokratische Republik, die nächstes Jahr den 75. Jahrestag ihrer Wiederbegründung und der Befreiung vom Nationalsozialismus begeht. Auch wirtschaftlich gehören wir zu den reichsten Ländern Europas. Aber natürlich gibt es nach wie vor auch Armut. Und es gab die Jahrzehnte des Schweigens über die Mitverantwortung an den Gräueln des NS-Terrors. Ich denke, wir können mit einem selbstkritischen Stolz zurückschauen.

"Ich sehe unser Museum nicht als Ort, das Österreichische zu definieren oder festzuschreiben", sagt Monika Sommer.
"Ich sehe unser Museum nicht als Ort, das Österreichische zu definieren oder festzuschreiben", sagt Monika Sommer.
- HdGÖ

Und wie machen Sie Österreich gesellschaftlich und kulturell fest?

Sommer: Ich sehe unser Museum nicht als Ort, das Österreichische zu definieren oder festzuschreiben. Wir sollten der Ort sein, diese Mythen zu hinterfragen.

Welche Mythen lehnen Sie ab?

Sommer: Der erste ist Österreich als „erstes Opfer“ des Nationalsozialismus. Wir haben noch immer einen Auftrag, aktiv gegen Antisemitismus und Rassismus zu arbeiten. Das Wirtschaftswunder: Es ist zu wenig im Bewusstsein, dass neben dem Fleiß der Bevölkerung die Hilfe des Marshallplanes einen wichtigen Beitrag geleistet hat. Die Grundstoffindustrie wurde vielfach mit Hilfe von Zwangsarbeit in der NS-Zeit geschaffen. Auch die Leistung der so genannten „Gastarbeiter“ wird oft zu wenig gewürdigt. Drittens sollten wir einen neuen Blick auf die Gründungsjahre der Ersten Republik werfen. In den Büchern steht viel von einer von Beginn an verzweifelten und gescheiterten Republik. Das Jahr 1918 brachte aber auch eine enorme demokratiepolitische Zäsur. Jede Stimme zählte jetzt gleich viel, Frauen hatten das Wahlrecht. 1920 folgte die Bundesverfassung, deren Jubiläum wir nächstes Jahr feiern.

Wir waren jetzt noch gar nicht beim Staatsvertrag und der Neutralität, die Basis des Nationalfeiertags ist.

Sommer: Der Staatsvertrag ist ein ambivalenter Gedächtnisort. Zum einen verdankte es Österreich 1955 einem weltpolitischen Glücksfall, als neutraler Staat im geteilten Europa eine besondere Rolle einnehmen zu können. Zum anderen haben die Jubiläen des Staatsvertrags auch den Blick auf das Jahr 1945 verstellt – nicht 1945, sondern 1955 galt als Jahr der Freiheit.

Ostarrichi

Die erste urkundliche Erwähnung des Namens Ostarrichi datiert aus 996. Kaiser Otto III. schenkte dem Bistum Freising Besitzungen „in einer Gegend, die in der Volkssprache Ostarrichi genannt wird“. Gemeint ist ein Gebiet bei Neuhofen an der Ybbs in Niederösterreich.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war Österreich auf der Suche nach einer neuen Identität. Die Ostarrichi-Urkunde bot sich an. 1946 wurde 950 Jahre Österreich gefeiert. „Die Erfindung einer Tradition“, meint Monika Sommer, Direktorin des „Hauses der Geschichte Österreich“.

Die Urkunde wurde im Bayerischen Hauptstaatsarchiv aufbewahrt und ist erstmals seit 1996 wieder in Österreich, das erste Mal in Wien. Zu sehen im „Haus der Geschichte Österreich“ bis Sonntag, 3. November 2019.

Und die Rolle Europas?

Sommer: Eine sehr große. Es ist nach fast 25 Jahren selbstverständlich, in der EU zu sein. Wir feierten heuer auch 30 Jahre Mauerfall. Jugendlichen müssen wir in unseren Workshops erst erklären, dass es auch einmal ein geteiltes Europa gab.

Was bedeutet Migration für ein aktuelles Österreich-Bild?

Sommer: Migration ist ein zentrales Thema, von der Habsburger-Monarchie weg. Migration auch innerhalb des Landes ist eine der österreichischen Grundfesten, aber natürlich verschiebt sich die Bedeutung. Gäbe es diese Migration nicht, würde das einen großen wirtschaftlichen, aber auch einen Kulturverlust bedeuten.

Genau diesen Kulturverlust befürchten jetzt viele durch die Migration aus anderen Kulturen und Religionen.

Sommer: Natürlich sind mit dieser Frage viele Ängste verbunden, interessanterweise auch bei denen, die selbst zugewandert sind. Wir stellen uns im Museum diesen Fragen mit einem eigenen Schwerpunkt mit dem Titel „Grenzen verändern“. Ausgewählte Grenzorte standen einmal für eine Öffnung von Grenzen, wenn ich etwa an Spielfeld in der Steiermark im Jahr 1991 denke. 2015 hingegen stand Spielfeld für die Wiedererrichtung von Grenzzäunen. Österreich steht also für beide Möglichkeiten.

Das Gespräch führte Wolfgang Sablatnig