Letztes Update am Do, 25.09.2014 16:42

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Innenpolitik

„Damit zeigt ihr uns, dass wir ein Schadensfall sind“

Abtreibung bis kurz vor der Geburt? Paragraph 97 StGB macht es möglich. Bei Kindern mit Behinderung. Eine Diskussion über den Wert des Lebens.



Von Michaela Spirk-Paulmichl

Innsbruck – Marianne Hengl, Obfrau des Vereins RollOn, hat schon vieles erreicht für die Anerkennung von Menschen mit Behinderung. Ihr nächstes Ziel: Den Paragraphen 97 zu Fall zu bringen. Dort ist geregelt, dass ein Schwangerschaftsabbruch bis kurz vor der Geburt möglich ist, wenn die ernste Gefahr besteht, dass das Kind schwer behindert geboren würde.

„Damit zeigt ihr uns, dass wir nicht perfekt sind. Dass wir ein Schadensfall sind und unser Leben nicht lebenswert ist“, sagt die Verfechterin der Rechte von Menschen mit Behinderung. Das lasse man sich nicht gefallen. „Wir lieben unser Leben, und wenn wir die nötigen Strukturen vorfinden, die unser Leben lebenswert machen, dann ist es auch schön.“ Der Verein RollOn feiert in diesem Jahr sein 25-Jahr-Jubiläum. „Es ist mir wichtig, nicht nur zu feiern, sondern auch eine politische Diskussion in Gang zu setzen“, sagt Hengl. „Wir brauchen ein Forum, bei dem wir eintreten für das, was sie uns nehmen wollen: Unser Leben. Im Nationalsozialismus wurden wir vergast, jetzt kommen wir nicht einmal mehr zur Welt!“ Aus diesem Grund findet am 1. Oktober in Innsbruck eine Podiumsdiskussion über § 97 statt (siehe links).

Laut RollOn werden in Deutschland neun von zehn Kindern mit möglicher Behinderung abgetrieben, in Dänemark sind es zehn von zehn. In Österreich schaut es nicht wesentlich anders aus. Der Verein will allerdings keine Anti-Abtreibungskampagne starten. Hengl: „Es steht uns nicht zu, mit dem Finger auf andere zu zeigen.“

Für Maria Erlacher und Markus Forster aus Innsbruck wäre ein Schwangerschaftsabbruch nie in Frage gekommen. Sie ließen bei ihren jüngsten Kindern, Zwillingen, auch keine speziellen Untersuchungen zu, obwohl ihnen diese mit Nachdruck nahegelegt wurden. „Es hätte nichts geändert“, sagt Maria Erlacher. Außerdem gebe es immer wieder Fälle, bei denen nach einer scheinbar eindeutigen Diagnose das Kind schließlich doch gesund zur Welt gekommen sei.

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Obwohl sich das Leben der beiden Tiroler Sänger – sie ist Sopranistin, er Countertenor – nach der Geburt der Zwillinge völlig verändert habe, sagen sie heute: „Diese intensive Zeit hat uns mehr denn je zusammengeschweißt.“ Und: „Es war das Beste, was uns passieren konnte.“ Das Beste in ihrem Leben, das sind ihre Kinder: die älteste Tochter Emma (9 Jahre), Marlene und Tobias (6). Die Zwillinge leiden seit ihrer Geburt an einer Cerebralparese und können weder krabbeln, sitzen, gehen noch sprechen oder eigenständig essen und trinken. Sie kommunizieren mit den Augen. „Aber sie sind geistig völlig gesund, irrsinnig gescheit, haben großen Spaß und leben ihr Leben intensiv“, sagt die Sängerin. „Und wenn sie dich anschauen, dann geht das direkt ins Herz.“ Ihr Mann meint: „Es gibt Leute, die müssen an einem Seil von einer Brücke springen, um wieder etwas zu spüren. Wir brauchen das nicht, weil wir es durch sie gelernt haben.“

Wenn sie spazieren gehen, starren andere die Familie häufig an. Manche voller Berührungsängste, andere voller Mitleid oder auch Bewunderung. Und ein Bub sagte einmal zu seiner Mutter: „Die lachen so fröhlich. Ich will auch behindert sein!“

Marianne Hengl über die Schattenseiten: „Oft heißt es, ihr kostet uns so viel, wir müssen das bezahlen.“ Oder: „Wenn der Hitler noch wäre, dann tät’s euch nicht geben.“