Letztes Update am Fr, 11.12.2015 12:01

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Bürgerkrieg

Letzte Chance für Libyen: Internationale Konferenz in Rom

Nach dem Vorbild der Syrien-Gespräche in Wien soll in Rom eine Konferenz zur Lage in Libyen stattfinden.

Seit der international unterstützten Entmachtung Gaddafis herrschen chaotische Machtverhältnisse in Libyen. Der IS (Daesh) profitiert davon massiv. (Archivbild: Menschen in Tripolis schwenken libysche Flaggen zum 4. Jahrestag der Entmachtung Gaddafis)

© APA/EPASeit der international unterstützten Entmachtung Gaddafis herrschen chaotische Machtverhältnisse in Libyen. Der IS (Daesh) profitiert davon massiv. (Archivbild: Menschen in Tripolis schwenken libysche Flaggen zum 4. Jahrestag der Entmachtung Gaddafis)



Rom – Italien blickt mit großer Sorge auf seine ehemalige Kolonie Libyen. 600 Kilometer südlich von Sizilien hat die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in der Stadt Sirte die schwarze Fahne des „Kalifats“ gehisst und wird dort immer stärker. Sie nutzt das Machtvakuum, das nach dem Sturz des Diktators Muammar al-Gaddafi 2011 entstanden ist.

Die italienische Regierung hat nun für Sonntag eine internationale Konferenz nach Rom einberufen. Nach dem Vorbild der Syrien-Gespräche in Wien soll sie Wege finden, die verfeindeten Parteien in Libyen zusammenzubringen. Denn nur eine starke Regierung wäre in der Lage, dem IS dort Einhalt zu bieten.

In Libyen findet die Terrororganisation optimale Bedingungen, um sich auszubreiten. Denn die politischen Parteien, die Stämme und die vielen schwer bewaffneten Milizen haben sich seit dem Sturz und der Ermordung Gaddafis immer weiter zerstritten und das Land in einen Bürgerkrieg abgleiten lassen. Seit eineinhalb Jahren gibt es zwei rivalisierende Parlamente und zwei Regierungen: ein international anerkanntes Parlament in Tobruk im Osten des Landes und ein von Islamisten dominiertes Abgeordnetenhaus in Tripolis.

Da der IS in Syrien und im Irak militärisch unter Druck gerät, versuchen die Jihadisten, ihre Macht in dem nordafrikanischen Land, das reich an Öl ist und über große Waffenarsenale verfügt, auszubauen. Die „New York Times“ und das italienische Magazin „L‘Espresso“ berichteten, das sich inzwischen mehr als 2000 Kämpfer in Sirte, Geburtsstadt Gaddafis, festgesetzt hätten. Ausländer aus diversen arabischen und afrikanischen Ländern führen das Kommando. Sirte könnte zur neuen inoffiziellen IS-Hauptstadt werden, sollten die Jihadisten aus dem syrischen Raqqa vertrieben werden.

Unvergessen ist in Italien das grausige Propaganda-Video vom Februar dieses Jahres, als sich die Jihadisten mit einer „in Blut geschriebene Nachricht an die Nation des Kreuzes“ zu Wort meldeten und zeigten, wie 21 christliche Kopten aus Ägypten an einem Strand „südlich von Rom“ enthauptet wurden. Der geografische Hinweis war eindeutig: Der IS hat das Zentrum der Christenheit im Visier.

„Wir haben nicht viel Zeit, und wir wollen dem Daesh keine Zeit schenken“, sagt Italiens Außenminister Paolo Gentiloni als Gastgeber der Konferenz. Daesh ist die in der arabischen Welt gebräuchliche Bezeichnung für den IS. Erwartet werden unter anderem US-Außenminister John Kerry und der UNO-Sondergesandte für Libyen, Martin Kobler, sowie Vertreter verschiedener Staaten der Region. „Die Libyen-Konferenz in Rom dient dazu, einen womöglich entscheidenden Impuls für die Bildung einer Regierung der Nationalen Einheit zu geben“, sagt Gentiloni.

Die internationale Gemeinschaft bemüht sich schon seit mehr als einem Jahr um eine politische Einigung in Libyen. Im Oktober verständigten sich Vertreter der rivalisierenden Parlamente schließlich unter UNO-Vermittlung auf die Bildung einer Einheitsregierung und bestimmten den Architekten Fayez Sarraj als Kompromisskandidaten für das Amt des neuen Premiers.

Gegner dieses Abkommens – die nur eine Minderheit vertreten – versuchen den Plan zu torpedieren und einigten sich vor wenigen Tagen auf einen Gegenentwurf. Darin beschlossen sie, selbst eine Einheitsregierung zu bestimmen. Kobler bemüht sich nun um eine rasche Umsetzung des von der Mehrheit befürworteten Friedensplans.

Der Geheimdienstchef der zwischen Sirte und Tripoli liegenden Stadt Misrata (Misurata), Ismail Shukri, sagte dem „L‘Espresso“, man habe Beweise dafür, dass der selbst ernannte Kalif des IS, Abu Bakr al-Bagdadi, viele seiner höchstrangigen Männer aus Syrien und dem Irak nach Sirte schicke. „Die Zeit ist auf ihrer Seite, denn solange Europa wegschaut, profitiert der IS vom Chaos im Land“, warnte er. (dpa)