Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 27.01.2018


Blick von außen

75 Jahre Stalingrad: Das Massengrab an der Wolga

Zwischen Größenwahn und Gehorsam: der Untergang der 6. Armee in Stalingrad vor 75 Jahren.

© SteiningerFoto: akg-images/picturedesk.com



Von Rolf Steininger

Im Frühjahr/Sommer 1942 reichten die Kräfte der Wehrmacht im Osten nur noch zur Offensive an einem Frontabschnitt aus. Laut „Führerweisung" sollte es darum gehen, „den Feind vorwärts den Don zu vernichten, um sodann den Übergang über den Kaukasus selbst zu gewinnen". Dabei sollte Stalingrad als Rüstungs- und Verkehrszentrum ausgeschaltet werden.

Das alles war nur bei einem völligen Zusammenbruch des Gegners zu schaffen. Aber dazu kam es nicht. Die Rote Armee wich geschickt in die Weite des Raumes aus. Eine folgenreiche Entscheidung Hitlers war es dann, dem Vorstoß in Richtung Kaukasus Priorität einzuräumen und durch Abzug einer Panzerarmee die Zangenbewegung auf Stalingrad aufzugeben. Für den Angriff auf Stalingrad blieb damit nur die 6. Armee. Deren Spitzen erreichten am 23. August die Wolga. Am selben Tag flog die Luftwaffe mit 600 Maschinen den schwersten Angriff seit einem Jahr auf Stalingrad. Die Stadt versank in Schutt und Asche, aber sie fiel nicht, und das, obwohl Hitler am 8. November in München großsprecherisch erklärt hatte, man habe Stalingrad genommen; es seien nur noch „ein paar ganz kleine Plätzchen da", die wolle er „mit ganz kleinen Stoßtrupps" einnehmen.

„Drum haltet aus ..."

Ab Mitte Oktober liefen auf sowjetischer Seite die Vorbereitungen für eine Zangenoperation gegen die Flanken der 6. Armee. Die Einkesselung gelang am 22. November 1942. Der Oberbefehlshaber der 6. Armee, General Paulus, erkannte sofort die Lage. Am 23. November meldete er Hitler: „Die Armee wird in kürzester Zeit vernichtet werden, wenn nicht sofortige Herausnahme aller Divisionen aus Stalingrad erfolgt."

Am nächsten Tag kam Hitlers Haltebefehl, verbunden mit der Zusage, er werde „alles tun", um die Armee „entsprechend zu versorgen und rechtzeitig zu ersetzen". Beides war nicht möglich — und die verantwortlichen Militärs wussten das auch! Im Grunde wurde damit schon das Todesurteil über die 6. Armee gesprochen. Spätestens hier hätte sich die Frage nach den Grenzen des militärischen Gehorsams stellen müssen.

Einer stellte diese Frage: der Kommandierende General des 6. Armeekorps, General von Seydlitz. Er versuchte Paulus zum Handeln gegen Hitlers Befehl zu bewegen:

„Angesichts der zu erwartenden Vernichtung von 200.000 Kämpfern gibt es keine andere Wahl, als sich die durch den bisherigen Befehl verhinderte Handlungsfreiheit selbst zu nehmen."

Am 26. November forderte Paulus vom Oberbefehlshaber der neuen Heeresgruppe Don, Manstein, „für den alleräußersten Fall die Genehmigung zum Handeln nach Lage". Unter Hinweis auf den „Führer" lehnte Manstein ab und versuchte gleichzeitig, Paulus von dessen Gewissensnöten zu befreien:

„Der Befehl des Führers entlastet Sie von der Verantwortung, die über die zweckmäßigste und willensstärkste Durchführung des Befehls des Führers hinausgeht. Was wird, wenn die Armee in Erfüllung des Befehls des Führers die letzte Patrone verschossen haben sollte, dafür sind Sie nicht verantwortlich." So einfach war das offenbar. Paulus, zum Generaloberst befördert, gab für seine Soldaten den Leitspruch aus: „Drum haltet aus, der Führer haut uns raus!"

Vernichtung droht — keine Kapitulation

Die 6. Armee benötigte mindestens 700 Tonnen Nachschub täglich. Die tatsächlich täglich eingeflogenen Mengen überschritten bis zum Ende am 2. Februar nicht 100 Tonnen. Als am 19. Dezember der Angriff der 4. Panzerarmee unter General Hoth 50 Kilometer vor dem Kessel steckenblieb, war die 6. Armee nicht in der Lage, ihr entgegenzustoßen. Der Treibstoff für die Panzer reichte nur noch für wenige Kilometer.

Die 6. Armee siechte dahin und verhungerte! Am 20. Dezember gab es die ersten Hungertoten. Am 26. Dezember notierte ein Offizier aus dem Stab: „In kurzer Zeit muss die physische Widerstandskraft derart gering werden, dass bei der großen Kälte der Moment kommt, wo der einzelne Mann sagt, jetzt ist mir alles scheißegal, und einfach langsam erfriert oder vom Russen überrannt wird." Von Mitte Jänner an erhielt ein Teil der Truppe überhaupt nichts mehr zu essen!

Mit dem Verfall der physischen Kräfte sank die Kampfmoral. Fälle von Selbstverstümmelungen häuften sich. Immer mehr Soldaten ließen absichtlich einzelne Gliedmaßen erfrieren, in der Hoffnung, ausgeflogen zu werden. Um die Kampfbereitschaft aufrechtzuerhalten, wurden Disziplinverletzungen unnachgiebig geahndet: So wurden z. B. in nur acht Tagen im Jänner 1943 364 Todesurteile ausgesprochen — und vollstreckt! (Zum Vergleich: Die Zahl der Todesurteile im gesamten übrigen Feldheer im 4. Quartal 1942 betrug 578.)

Am 8. Jänner boten die Sowjets die Kapitulation an. Paulus lehnte ab. Zwei Tage später trat die Rote Armee zum Angriff an. Am 24. Jänner fragte Paulus in einem Funkspruch:

„Welche Befehle soll ich den Truppen geben, die keine Munition mehr haben und weiter mit starker Artillerie, Panzern und Infanteriemassen angegriffen werden?" Hitlers Antwort: „Eine Kapitulation der 6. Armee ist schon vom Standpunkt der Ehre aus nicht möglich." — Paulus gehorchte und verfiel in Lethargie. Am 30. Jänner gratulierte er Hitler zum 10. Jahrestag von dessen Machtantritt mit folgenden Worten:

„Noch weht die Hakenkreuzfahne über Stalingrad. Unser Kampf möge den lebenden und kommenden Generationen ein Beispiel dafür sein, auch in der hoffnungslosesten Lage nie zu kapitulieren; dann wird Deutschland siegen. Heil, mein Führer! Paulus, Generaloberst."

Hitler antwortete ähnlich pathetisch:

„Mein Generaloberst Paulus. Schon heute blickt das ganze deutsche Volk in tiefer Ergriffenheit zu dieser Stadt. Wie immer in der Weltgeschichte wird auch dieses Opfer kein vergebliches sein. In Gedanken immer bei Ihnen und Ihren Soldaten. Ihr Adolf Hitler." Gleichzeitig ernannte er Paulus zum Generalfeldmarschall. Das hieß: unter allen Umständen Stellung halten oder Selbstmord. Am 2. Februar kapitulierte Paulus.

Am selben Tag flog ein Fernaufklärer der deutschen Luftwaffe über Stalingrad und setzte folgende Meldung ab: „In Stalingrad keine Kampftätigkeit mehr!" Die Stadt an der Wolga war zum Massengrab geworden. Bis heute ist nicht genau bekannt, wie viele deutsche Soldaten umgekommen sind. Die Sowjets zählten später 147.000; nach Berechnungen des Freiburger Militärhistorikers Rüdiger Overmans wurden 200.000 deutsche Soldaten eingeschlossen, 29.000 ausgeflogen, 60.000 starben im Kessel. Von den 110.000, die gefangen genommen wurden, starben 105.000; nur rund 5000 überlebten. Etwa eine halbe Million russischer Soldaten starben.

Was bleibt als Fazit?

Stalingrad war mehr als nur eine Schlacht im Zweiten Weltkrieg. Mit Stalingrad war für alle sichtbar der Mythos von der Unbesiegbarkeit der Wehrmacht dahin. Stalingrad war einer der entscheidenden militärischen Wendepunkte im Zweiten Weltkrieg. Die Art und Weise aber, wie die 6. Armee unterging, „verraten und verkauft" von der politischen und militärischen Führung, gibt Stalingrad seinen besonderen Stellenwert. Schärfer als andere militärische Ereignisse zeigt Stalingrad darüber hinaus den Größenwahn der politischen Führung und das Problem des sittlichen Gehorsams. Es geht um Schuld und Verantwortung der obersten Führung und um die Frage, wo der Gehorsam endet; es geht um den Missbrauch deutschen Soldatentums und um unsägliches menschliches Leid — auf deutscher und auf sowjetischer Seite.

Zur Person

O. Univ.-Prof. Dr. Rolf Steininger war von 1984 bis zu seiner Emeritierung 2010 Leiter des Instituts für Zeitgeschichte der Universität Innsbruck.

Hörtipp

Rolf Steininger, Zweiter Weltkrieg und Kalter Krieg; 2 Audio-CDs, Studienverlag Innsbruck/Wien/München (Sendungen Rai Südtirol und Ö1), 108 Minuten, 16,95 Euro.