Letztes Update am Di, 27.03.2018 13:21

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Syrien-Krieg

Hoffnung für Entführte nach Rebellen-Abzug aus Ost-Ghouta

Nach dem Fall der Enklave warten am Rande der Hauptstadt Damaskus seit Tagen zahlreiche Syrer voller Hoffnung, verschleppte Verwandte wiederzusehen.

© AFPEine aus Ost-Ghouta evakuierte Frau mit Kind in Hama.



Von Maher Al Mounes, AFP

Damaskus – Für die Rebellen ist der Abzug aus ihrer Bastion Ost-Ghouta eine bittere Niederlage, doch für viele Syrer weckt der Fall der Rebellenenklave bei Damaskus die Hoffnung, ihre von den Aufständischen verschleppten Angehörigen endlich wiederzusehen. Schon seit Tagen warten dutzende Menschen am Rande der Hauptstadt auf Neuigkeiten, unter ihnen die 20-jährige Majs Ahmad.

„Meine einzige Hoffnung ist Gott“

„Ich habe Angst, dass sie in der Nacht herauskommen und mich nicht finden“, sagt die junge Frau, deren Vater und Bruder vor mehr als vier Jahren von den Rebellen entführt wurden, an einer Straße, über die die Rebellen aus Ost-Ghouta abziehen. „Unser letzter Kontakt war vor einem Monat. Sie sagten mir, es gehe ihnen gut. Seitdem nichts. Meine einzige Hoffnung ist Gott“, sagt die 20-Jährige unter Tränen. Doch sie ist entschlossen zu warten, bis sie Gewissheit über das Schicksal ihres Vaters und ihres Bruder hat.

Die Vereinbarungen der Regierung in Damaskus mit den islamistischen Rebellengruppen Ahmad al-Sham und Fajlak al-Rahman sehen vor, dass diese vor ihrem Abzug aus Harasta, Samalka und den anderen bisher von ihnen kontrollierten Vororten der Hauptstadt alle entführten Zivilisten und gefangenen Soldaten freilassen. Zwei Dutzend Gefangene kamen in den vergangenen Tagen so bereits frei.

„Das Warten hat meiner Mutter das Herz gebrochen“

Majs war mit ihrem Vater Hossam und ihrem Bruder Zein Ende 2013 entführt worden, als die Rebellen die Arbeiterstadt Adra eroberten. Nur sie wurde später freigelassen. „Das Warten hat meiner Mutter das Herz gebrochen. Sie liegt im Krankenhaus, doch würde sie sofort wieder gesund, wenn sie hörte, dass es ihnen gut geht“, sagt die junge Frau, die aus der Küstenstadt Tartus gekommen ist.

Seit Beginn des Bürgerkriegs im März 2011 sind mehrere zehntausend Menschen in Syrien verschwunden. Die meisten werden in den Kerkern der Regierung und verbündeter Milizen vermutet, doch auch den Rebellen werden zahlreiche Entführungen angelastet. Teils wurden die Menschen verschleppt, weil sie zur Regierung von Bashar al-Assad hielten, teils auch nur, um von den Angehörigen Geld zu erpressen.

Im November 2015 stellten die Rebellen gar Käfige mit Gefangenen auf Plätzen von Ost-Ghouta auf, um die Armee von Luftangriffen abzuhalten. Wie die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte damals berichtete, handelte es sich bei diesen „menschlichen Schutzschilden“ um gefangene Soldaten und Zivilisten der religiösen Minderheit der Alawiten, der auch Machthaber Assad angehört.

„Das ist nicht gerecht“

Akil Mjita sieht heute den Abzug der Rebellen mit Bitterkeit. „Das ist nicht gerecht“, sagt der 49-Jährige, während er Bussen nachschaut, in denen die Rebellen abziehen. Sein Neffe war als Soldat im Mai 2016 bei Kämpfen gefangen genommen worden. „Wozu sind diese Abkommen gut, wenn die Kerkermeister in aller Ruhe abziehen, während das Schicksal meines Neffen ungeklärt ist?“, fragt er.

Auch Sabah Salums Sohn Ahd wurde von den Rebellen in Adra entführt. Nun ist sie mit Mann und Tochter in der Hoffnung nach Ost-Ghouta gekommen, Ahd wiederzusehen. In den vergangenen vier Jahren hat sie nur drei Mal von ihm gehört, doch während sie am Rand von Ost-Ghouta wartet, kommt plötzlich ihre Tochter mit einem Telefon angerannt. Es ist Ahd, der sagt, er werde bald freigelassen.

„Ahd hat gesprochen! Ahd hat gesprochen!“, ruft Salum unter Freudentränen, während ihr in der Aufregung das Kopftuch von den ergrauten Haaren rutscht. Keinen Moment habe sie die Hoffnung aufgegeben, ihren Sohn wiederzusehen, sagt die 63-Jährige, die seit seiner Entführung nur noch Schwarz trägt. „Mein Herz kannte keine Freude mehr, bis ich seine Stimme gehört habe.“