Letztes Update am Do, 09.08.2018 17:04

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Bürgerkrieg

Massaker im Jemen: Luftangriff auf Schulbus tötet dutzende Kinder

Der kleine Bub trägt seine blaue Schultasche noch auf dem Rücken, er ist von Blut überströmt und ruft: „Sie haben meinen Kopf getroffen!“. Er wollte in eine Sommerschule, als der Bus voller Kinder im Jemen bombardiert wird.

© AFPDie meisten der Opfer des verheerenden Luftangriffs waren Kinder.



Sanaa – Bei einem verheerenden Luftangriff auf einen Schulbus im Jemen sind nach Houthi-Darstellung mindestens 47 Menschen getötet worden, die meisten davon Kinder und Teenager. Bei dem Massaker wurden am Donnerstag zudem 77 weitere Menschen verletzt, wie der Sprecher des Gesundheitsministeriums, Jussef al-Hadri, der Deutschen Presse-Agentur sagte. Das Ministerium, das von schiitischen Houthi-Rebellen geführt wird, macht das von Saudi-Arabien geführte Militärbündnis für den Angriff nördlich der Hauptstadt Sanaa verantwortlich.

Das Bündnis hat die Lufthoheit über dem Bürgerkriegsland und hat in der Vergangenheit bereits Hochzeiten und Trauerfeiern angegriffen. Das Militärbündnis räumte ein, in der Region Angriffe geflogen zu haben und sprach von einer Vergeltungsaktion gegen örtliche Houthi-Rebellen. Seit mehr als drei Jahren bombardiert es Stellungen der Houthi-Rebellen und tötete dabei Tausende Menschen, darunter viele Zivilisten.

Schreckliche Bilder

Seit der Eskalation des Konfliktes 2015 sind insgesamt über 10.000 Menschen getötet worden, darunter tausende Zivilisten. Der Angriff am Donnerstag ist einer der schwersten auf unbeteiligte Menschen in dem Bürgerkrieg.

Anwohner berichteten der dpa, der Bus habe Kinder in eine Sommerschule nahe dem Ort Dahjan fahren sollen, als er getroffen wurde. Das Internationale Komitee des Roten Kreuzes sprach in einem Tweet von Dutzenden Toten sowie Verletzten, die in einem Krankenhaus behandelt würden.

Die teils schwer verletzten Kinder wurden in Krankenhäuser gebracht.
- AFP

Bilder, die im Internet kursierten, zeigten verkohlte und verstümmelten Kinderleichen in einem Krankenhaus; teilweise sind sie noch an den Tropf angeschlossen. Auf Videos sind herzzerreißende Schreie von Verletzten zu hören. Blutüberströmt und mit Staub in den Haaren wird ein kleiner Bub auf eine Liege gehoben. Seine blaue Schultasche trägt er noch auf dem Rücken, er ruft: „Sie haben meinen Kopf getroffen, sie haben meinen Kopf getroffen!“. Die Bilder konnte die dpa zunächst nicht auf Echtheit überprüfen.

UN: Schwerste humanitäre Krise der Gegenwart

Der Sprecher des von Saudi-Arabien geführten Bündnisses, Turki al-Malki, gab Luftangriffe in der Provinz Saada am Donnerstag zu. Die Bombardements hätten den Houthi-Rebellen in der Region gegolten – als Vergeltungsaktion für einen Raketenangriff dieser in der Nacht zuvor. Die Angriffe des Bündnisses stünden dabei im Einklang mit internationalem und humanitärem Recht.

Auch wegen der Luftangriffe bezeichnen die Vereinten Nationen den Konflikt als schwerste humanitäre Krise der Gegenwart. Infrastruktur und Versorgungseinrichtungen sind vielerorts zerstört. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO hat mehr als die Hälfte der 28 Millionen Jemeniten keinen Zugang zu medizinischer Versorgung. Mehr als 22 Millionen sind nach UN-Angaben auf humanitäre Hilfe angewiesen. Zwischenzeitlich wüteten Seuchen wie Cholera und Diphtherie.

Die Ort des Angriffs, die Provinz Saada im Norden des Jemen, ist das Stammland der Houthi-Rebellen, die das Land 2014 zu weiten Teilen eroberten. Bis heute kontrollieren sie vor allem den Norden des Landes und die Hauptstadt Sanaa. Von Saada aus schießen die Aufständischen, die vom saudi-arabischen Erzfeind Iran unterstützt werden, immer wieder Raketen über die Grenze Richtung Saudi-Arabien. Dies heizt den Konflikt weiter an.

Erst vor einer Woche hatte der UN-Sondergesandte für den Jemen, Martin Griffiths, die ersten Friedensgesprächen seit zwei Jahren angekündigt. Er wolle die Konfliktparteien zum 6. September nach Genf einladen.

Doch tobt der Krieg weiter: Erst am Freitag hatte ein Bombardement nahe eines Krankenhauses in der strategisch wichtigen Hafenstadt Hudaidah mehr als 50 Menschen getötet. Am Donnerstag gab es zudem mindestens fünf weitere Luftangriffe auf Sanaa. (APA/dpa)