Letztes Update am Do, 11.10.2018 15:34

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Journalist verschwunden

Druck im Fall Khashoggi steigt: Nun droht London Riad

USA, Türkei und nun auch Großbritannien erhöhen den Druck auf Saudi-Arabien. Riad soll erklären, was mit dem Journalisten Jamal Khashoggi im Konsulat Saudi-Arabiens geschah.

© AFPEin Mann hebt vor dem saudi-arabischen Konsulat eine Tafel in die Höhe mit dem Text. "Wo ist Jamal Kashoggi"?



London/Riad – Der britische Außenminister Jeremy Hunt hat am Donnerstag den saudi-arabischen Behörden mit „gravierenden Konsequenzen“ gedroht, sollten sie für das Verschwinden des saudi-arabischen Journalisten Jamal Khashoggi verantwortlich sein. Der gegenüber dem Regime in Riad kritisch eingestellte Journalist und Mitarbeiter der Washington Post wird seit 2. Oktober vermisst.

An diesem Tag hatte er das saudi-arabische Konsulat in Istanbul betreten, um für die Heirat mit seiner türkischen Verlobten benötigte Dokumente abzuholen und war nach türkischer Darstellung nicht wieder herausgekommen. Die türkischen Behörden hatten am Samstag behauptet, Khashoggi sei im Konsulatsgebäude ermordet worden. Saudi-Arabien bestreitet dies und erklärte, Khashoggi habe das Gebäude verlassen.

„Sollten die Anschuldigungen zutreffen, werde dies gravierende Konsequenzen haben da unsere Freundschaft und Partnerschaft auf gemeinsamen Werten basiert“, erklärte Hunt gegenüber der Nachrichtenagentur AFP. Sollten die Saudis zu einer zufriedenstellenden Schlussfolgerung kommen müsse Khashoggis Verbleib geklärt werden. „Sie sagen, dass die Anschuldigungen falsch sind. Wo also ist Herr Khashoggi?“, so der Außenminister.

Auch USA und Türkei erhöhen Druck

Im Fall des vermissten saudi-arabischen Journalisten Jamal Khashoggi hatten zuvor auch die USA und die Türkei den Druck auf Riad erhöht. Die Türkei könne nicht länger „still bleiben“, warnte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan am Donnerstag und forderte die Herausgabe von Videoaufnahmen aus dem Istanbuler Konsulat, in dem Khashoggi verschwunden war.

Zuvor hatte bereits US-Präsident Donald Trump Auskunft zum Schicksal des Regierungskritikers verlangt. Er habe „auf höchster Ebene“ mit Vertretern Saudi-Arabiens gesprochen, sagte Trump am Mittwoch. Washington sei „sehr enttäuscht“ und werde der Sache „auf den Grund gehen“. Laut dem Weißen Haus sprachen Trumps Schwiegersohn Jared Kushner und sein Sicherheitsberater John Bolton mit dem saudi-arabischen Kronprinzen Mohammed bin Salman. Khashoggis türkische Verlobte Hatice Cengiz hatte zuvor Trump um Hilfe gebeten.

Journalist in Konsulat ermordet?

Türkische Ermittler haben den Verdacht geäußert, dass Khashoggi bei einem Besuch im Konsulat seines Landes in Istanbul vergangene Woche von saudi-arabischen Agenten ermordet wurde. Riad weist die Vorwürfe zurück, ist aber den Beweis schuldig geblieben, dass der Regierungskritiker das Konsulat wieder lebend verließ. Laut dem Konsulat waren die Überwachungskameras im Gebäude am Tag von Khashoggis Besuch ausgefallen.

„Ist es möglich, dass es in einem Konsulat, in einer Botschaft kein Kamerasystem gibt?“, fragte Erdogan laut der Zeitung Hürriyet. „Dieser Vorfall ist in unserem Land passiert. Es ist uns unmöglich, bei einem solchen Vorfall still zu bleiben“, warnte er. Die türkische Regierung hat bisher direkte Vorwürfe an Riad vermieden, doch veröffentlichten die türkischen Medien zahlreiche Details aus den Polizeiermittlungen zu dem Fall.

Die Washington Post, für die der im Exil lebende Khashoggi zuletzt als Kolumnist tätig war, berichtete, die US-Geheimdienste hätten im Voraus Kenntnis von Plänen zur Festnahme des Journalisten gehabt. Laut der Zeitung ordnete der mächtige Kronprinz bin Salman an, den 59-jährigen Regierungskritiker nach Saudi-Arabien zu locken, um ihn dort festzunehmen. So sei ihm ein neuer Job angeboten worden, doch habe Khashoggi dem Angebot misstraut.

USA wollen nichts von Plänen gewusst haben

Das US-Außenministerium bestritt, dass die USA im Voraus über Pläne zur Entführung Khashoggis informiert gewesen seien. Dieser lebte seit September 2017 in den USA im Exil, da er in seiner Heimat eine Festnahme fürchtete. In seinen Kolumnen hatte er wiederholt die repressive Politik von Kronprinz bin Salman sowie die Militärintervention im Jemen, die Blockade Katars und die Verfolgung der Muslimbruderschaft kritisiert.

In der Türkei konzentrierten sich die Ermittlungen unterdessen auf ein mutmaßliches „Anschlagsteam“ aus 15 Saudi-Arabern, die am Tag von Khashoggis Besuch nach Istanbul gereist waren. Türkische Medien veröffentlichten am Mittwoch Fotos und Namen von 15 Männern, die in zwei privaten Flugzeugen am Dienstag vergangener Woche in Istanbul eintrafen, bevor sie am Abend über Dubai und Kairo nach Saudi-Arabien zurückkehrten.

In Medien wurden die 15 Männer als Mitarbeiter der saudi-arabischen Sicherheitsdienste oder Vertraute von bin Salman identifiziert. Die Türkei hat von Saudi-Arabien die Zustimmung erhalten, das Istanbuler Konsulat zu durchsuchen, doch fand die Durchsuchung bisher nicht statt. Medienberichten zufolge gibt es noch Diskussionen, ob auch die Residenz des Konsuls und Fahrzeuge des Konsulats durchsucht werden dürfen. (TT.com/APA/AFP)