Letztes Update am Di, 08.01.2019 14:52

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Krieg in Syrien

Türkei und USA streiten über Vorgehen in Syrien

Die türkische Regierung pocht darauf, in Syrien gegen die Kurden vorzugehen. Der von US-Sicherheitsberater John Bolton vorgelegten langsamen Rückzug lehnt die Türkei ab.

US-Sicherheitsberater John Bolton mit dem türkischen Präsidentensprecher Ibrahim Kalin.

© TURKISH PRESIDENTIAL PRESS SERVIUS-Sicherheitsberater John Bolton mit dem türkischen Präsidentensprecher Ibrahim Kalin.



Ankara, Washington – Die NATO-Verbündeten Türkei und USA streiten offen über das weitere Vorgehen im Syrien-Konflikt. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan bezeichnete die Forderung von US-Sicherheitsberater John Bolton nach Sicherheitsgarantien für die syrische Kurdenmiliz YPG vor einem US-Abzug aus dem Kriegsland als einen schweren Fehler.

Die Türkei werde hinsichtlich der YPG keine Kompromisse eingehen, sagte Erdogan am Dienstag vor Abgeordneten seiner AK-Partei in Ankara. Bolton traf zur Abstimmung des weiteren Vorgehens mit Erdogans Sicherheitsberater und Sprecher Ibrahim Kalin zusammen, nicht aber wie erwartet mit dem Präsident selbst. Erdogan sagte später zu Journalisten, er sehe keine Notwendigkeit, Bolton zu treffen.

US-Präsident Donald Trump hatte im Dezember den Rückzug seiner knapp 2.000 Soldaten aus Syrien angekündigt, weil der IS geschlagen sei. Die plötzliche und auch in den USA umstrittene Entscheidung trug dazu bei, dass Verteidigungsminister Jim Mattis zurücktrat. Bolton hatte am Wochenende deutlich gemacht, dass die Türkei die Kurden schützen müsse. Sie kämpfen an der Seite der USA, werden aber von der Türkei als Terrorgruppe eingestuft.

Erdogan wütet gegenüber Trumps Sicherheitsberater

Erdogan warf Bolton vor, Trumps Pläne zu konterkarieren. Die Türkei habe mit Trump eine klare Verständigung über dessen Pläne für den Truppenrückzug erzielt. Aber dann seien andere Stimmen aus anderen Teilen der Regierung laut geworden, sagte Erdogan. Die Türkei werde die YPG genauso bekämpfen wie den IS. „Wenn sie Terroristen sind, werden wir tun, was nötig ist, gleich woher sie kommen“, sagte er. Bolton habe mit seiner Forderung nach Schutz für die kurdischen Kämpfer einen schweren Fehler gemacht, und wer wie Bolton denke, machen diesen Fehler auch. „Es ist für uns nicht möglich, hier Kompromisse einzugehen.“

Zuvor hatte Erdogan in einem Gastbeitrag für die New York Times die USA aufgefordert, den Rückzug der Truppen aus Syrien sorgfältig zu planen und in Zusammenarbeit „mit den richtigen Partnern“ zu vollziehen. Die Türkei sei der richtige Partner dafür und fest entschlossen, die Extremistenmiliz IS und „andere Terrorgruppen“ in dem Bürgerkriegsland zu bekämpfen. In Ankara sagte er, sein Land habe die Vorbereitungen für einen Einsatz in Syrien abgeschlossen.

Kalin sagte, er habe seinen US-Gesprächspartnern gesagt, die Umsetzung der türkischen Pläne zum Vorgehen im nordsyrischen Manbij nicht zu verzögern. Die Türkei und mit ihr verbündete Milizen wollen die Kurdenmetropole einnehmen. Allerdings haben die US-Truppen noch einen Stützpunkt in der Stadt, aus der die Syrischen Demokratischen Streitkräfte (SDF) mit der YPG an der Spitze und mit Hilfe der USA 2016 die IS vertrieben haben.

Kalin sagte, für die Türkei sei wichtig, was mit den Stützpunkten der USA und den Waffen geschehe, die die Amerikaner der YPG gegeben habe. Die Zeitung Hürriyet hatte berichtet, die Türkei fordere entweder die Übergabe der Stützpunkte an seine Streitkräfte oder die Zerstörung der Basen.

IS startet Gegenangriff

Der IS zeigte unterdessen im Osten Syriens mit einem blutigen Gegenangriff, dass sie noch nicht vollständig besiegt ist. Während eines Sandsturms habe die Extremistengruppe Stellungen der SDF am Euphrat attackiert und 23 Kämpfer der kurdisch-arabischen Allianz getötet, erklärte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte am Dienstag. Allerdings habe die IS-Miliz das Gebiet nicht halten können.

Die SDF-Einheiten versuchen seit September mit Unterstützung der internationalen Anti-IS-Koalition, die letzten Bastionen der Jihadisten an der irakischen Grenze zu erobern, stoßen dabei aber auf erbitterten Widerstand. Zwar ist es ihnen nach blutigen Kämpfen gelungen, die Ortschaften Hajhin und Al-Shaafa zu erobern, doch kontrollieren die noch rund 2.000 Jihadisten weiter die nahegelegenen Dörfer Sussa und Baghus.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron drängte bei einem Telefonat mit Trump auf „eine enge Abstimmung zwischen den Mitgliedern der internationalen Koalition“ gegen die IS-Miliz, wie der Elysee-Palast am Dienstag in Paris mitteilte. Der Kampf gegen die IS-Miliz bleibe eine „Priorität“. Frankreich will sich ebenso wie Großbritannien nach dem angekündigten US-Abzug zunächst weiter militärisch in Syrien engagieren. (APA/Reuters/AFP)




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