Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 10.02.2019


Konflikte

Venezolanerin erzählt: 12 Stunden Autofahrt für ein Medikament

Eine Venezolanerin in Tirol erzählt von der großen Not ihrer Landsleute im erdölreichsten Land der Welt.

Die Menschen drücken ihren Protest an den Wänden aus. Offen zu sprechen, trauen sich nicht alle. Nicht einmal, wenn sie schon im Ausland leben wie „Alejandra“. Es fehlt in Venezuela an allem, an Essen, Arzneien und Medizinprodukten. Doch eine Hilfslieferung ließ Maduro nicht ins Land, er ließ die Grenzbrücke blockieren.<span class="TS_Fotohinweis">Fotos: AFP – Baretto, Arboledo (2)</span>

© AFPDie Menschen drücken ihren Protest an den Wänden aus. Offen zu sprechen, trauen sich nicht alle. Nicht einmal, wenn sie schon im Ausland leben wie „Alejandra“. Es fehlt in Venezuela an allem, an Essen, Arzneien und Medizinprodukten. Doch eine Hilfslieferung ließ Maduro nicht ins Land, er ließ die Grenzbrücke blockieren.Fotos: AFP – Baretto, Arboledo (2)



Von Gabriele Starck

Innsbruck, Caracas –Ich habe Angst“, sagt „Alejandra“. Angst vor Repressionen durch die venezolanische Regierung, die sie und ihre Kinder selbst in Tirol noch treffen könnten. Den Namen „Alejandra“ hat sie sich selbst ausgesucht – für das Gespräch mit der TT. Ihren richtigen Namen will sie nicht gedruckt sehen, ein Foto von sich schon gar nicht. Dabei hat sie das Krisenland vor vielen Monaten hinter sich gelassen, hier eine neue Heimat gefunden, bei ihrem jetzigen Ehemann, den sie vor 18 Jahren in Venezuela kennen und lieben lernte.

„Alejandras“ sonst beschwingte Stimme klingt gehetzt, wenn sie über Venezuela zu sprechen beginnt und darüber, woran es den Menschen dort fehlt. „Diese Regierung ist unheilvoll. Es ist eine Katastrophe“, stößt sie hervor: „Wir haben Probleme in der Gesundheitsversorgung, es gibt kein Essen, das du dir mit deinem Verdienst kaufen kannst. Du kriegst keine Medikamente – einfach weil es keine gibt.“

Auch wenn ein Bruder und eine Schwester bereits in Nachbarstaaten ausgewandert seien, so wie laut UNO-Schätzungen zwei Millionen andere Landsleute auch: „Meine Mutter, ein Bruder und die Oma sind noch dort.“ Sie schicke immer wieder Geld, aber das reiche nicht. Denn etwas, das heute 10.000 Bolívar koste, habe am nächsten Tag schon den dreifachen Preis.

Der Wertverfall der venezolanischen Währung ist gigantisch. Die Inflationsrate wird Schätzungen zufolge dieses Jahr zehn Millionen Prozent betragen. Das Land mit den größten Ölreserven der Welt ist am Boden – Weltwirtschaftskrisen und Verfall des Ölpreises hin oder her. Für „Alejandra“ ist die Misswirtschaft der sozialistischen Regierung dafür verantwortlich. „Wer aus dem Ausland soll denn in Venezuela investieren, wo doch alle Firmen enteignet werden?“, fragt sie. Auch „Alejandra“ hat bis zu ihrer Übersiedlung nach Tirol in einem einst privatwirtschaftlichen Unternehmen gearbeitet, das verstaatlicht wurde.

2007 – noch unter Hugo Chavez – beginnen die Enteignungen, davon betroffen sind schon zu Beginn auch die US-Unternehmen Exxon Mobil und ConocoPhillips. Mit der Wirtschaft geht es stetig bergab. Nach dem Tod Chavez’ 2013 kommt Nicolas Maduro an die Macht, die Krise verschärft sich, erste Proteste werden laut. „Es gab nichts mehr zu kaufen. Wenn ich ein Medikament oder Autoreifen brauchte, bin ich nach Brasilien gefahren – sechs Stunden hin, sechs wieder zurück“, erzählt die Frau.

2015 gewinnt die Opposition die Wahlen, Maduro lässt das Parlament vom Obersten Gerichtshof entmachten, setzt eine Versammlung seiner Gnaden ein. „Das war nur möglich, weil das Oberste Gericht sehr inkompetent ist und nur das macht, was ihm die Regierung aufträgt“, ärgert sich „Alejandra“.

Wer sich widersetzt, läuft Gefahr, im Gefängnis zu landen. „Es gibt keine Meinungsfreiheit“, betont die Mittdreißigerin. Das sei auch der Grund, warum noch so viele auf Pro-Maduro-Aufmärschen zu sehen seien, ist „Alejandra“ überzeugt. „Auch mir haben die Chefs am Arbeitsplatz immer aufgetragen, nach Caracas zu fahren, um dort für Maduro zu demonstrieren. Ich konnte mich aber immer auf viel Arbeit und Familienpflichten rausreden.“

Der Druck der Regierung ist auch der Grund, warum sie nicht identifiziert werden möchte. „Ich brauche weiterhin die Unterstützung der Botschaft, wenn es um Papiere geht“, erklärt sie. Steine würden ihr schon so genug in den Weg gelegt.

Wobei, Ausweise bekämen ihre Landsleute auch in Venezuela selbst kaum noch – außer gegen Zusatzgeld. Nicht einmal, weil sie die Regierung nicht ausstellen wolle. „Es gibt einfach kein Dokumentenpapier mehr.“ Nun setzt „Alejandra“ ihre Erwartungen in den selbst ernannten Interimspräsidenten Juan Guaidó. Auch wenn nicht klar ist, wie das Machtspiel zwischen ihm und Maduro endet. Guaidó gibt ihr Hoffnung auf einen Neustart.