Letztes Update am Mi, 20.02.2019 14:29

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Fragen und Antworten

Nach Gebietsverlusten: Welche Bedrohung stellt der IS noch dar?

Die Terrormiliz IS hat ihre Gebiete fast vollständig verloren. Sind die Jihadisten nun keine Bedrohung mehr? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

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© AFP(Symbolfoto)



Damaskus, Bagdad – Der sogenannte IS (Daesh) steht offenbar kurz davor, seine letzte Hochburg an den Ufern des Euphrats im Osten Syriens zu verlieren. Doch auch wenn die Miliz dann zunächst kein zusammenhängendes Gebiet mehr kontrollieren sollte, wird sie weiterhin eine Bedrohung darstellen.

Was bedeutet der Verlust der Gebietskontrolle für den IS?

Dass der IS weite Teile in den Nachbarländern Irak und Syrien lange unter seiner Kontrolle hatte, unterscheidet ihn von ähnlichen Extremistenorganisationen wie der Al-Kaida. 2014 rief der IS über die Staatsgrenze hinweg sein Kalifat in den besetzten Gebieten aus und beanspruchte die Herrschaft über alle muslimischen Landstriche und Bevölkerungen. Raqqa wurde zur Hauptstadt des Kalifats ernannt.

Mit der Zerstörung dieses Quasi-Staates wurde der IS-Miliz ihre wichtigsten Propagandamittel und Rekrutierungsmöglichkeiten ebenso genommen wie die Basis, von der aus sie Kämpfer ausbilden und Anschläge in anderen Ländern koordinieren konnte. Zugleich wurde die Bevölkerung in den kontrollierten Gebieten, die unter Massenhinrichtungen, drakonischen Strafen, Vertreibung und im Fall der Yezidinnen unter sexueller Versklavung litt, befreit. Tausende IS-Kämpfer wurden getötet, und die IS-Miliz büßte ihre Finanzierungsmöglichkeiten durch Steuern und Ölverkäufe ein.

Welche Gefahr stellt der IS noch für Irak und Syrien dar?

Der IS war vor einem Jahrzehnt noch ein Ableger Al-Kaidas im Irak, die Kämpfer gingen in den Untergrund, warteten ab und erschienen umso mächtiger wieder auf der Bildfläche. Diese Taktik könnten die Extremisten auch nach den im Jahr 2017 erlittenen erheblichen Gebietsverlusten wieder anwenden. Sogenannte Schläferzellen haben wiederholt Menschen verschleppt, Anschläge verübt und so die Regierung in Bagdad geschwächt.

Auch im Nordosten des Bürgerkriegslandes Syrien verübten IS-Kämpfer zahlreiche Attentate. Diese Region steht unter Kontrolle kurdischer Rebellen, die von den USA unterstützt werden. Vertreter der Kurden und USA sind überzeugt, dass der IS weiterhin eine Gefahr darstellt. In Syrien harren die Extremisten in einer abgelegenen Wüstengegend nahe der Straße von Damaskus nach Deir ez-Zor aus.

Was widerfuhr den Anführern, Kämpfern und Anhängern des IS?

Das Schicksal des IS-Anführers Abu Bakr al-Bagdadi bleibt ein Rätsel. Experten der US-Regierung seien überzeugt, dass er am Leben ist und sich möglicherweise im Irak versteckt, sagten kürzlich US-Insider. Andere Fachleute sind sicher, dass Bagdadi, der sich selbst zum Kalifen erklärt hatte, bei einem US-Luftangriff getötet wurde.

Tausende IS-Kämpfer und Anhänger in der Zivilbevölkerung wurden getötet, Tausende wurden gefangen genommen. Wie viele Kämpfer im Irak und in Syrien noch einsatzfähig sind, ist unklar.

Im Irak werden gefangene IS-Kämpfer häufig vor Gericht gestellt, ins Gefängnis gesteckt oder gar hingerichtet. Die von den USA unterstützten Syrischen Demokratischen Streitkräfte (SDF) halten rund 800 ausländische Kämpfer gefangen. In Deutschland ist eine Diskussion entbrannt, unter welchen Bedingungen aus der Bundesrepublik stammende ehemalige IS-Kämpfer wieder zurückkehren dürfen, wie dies US-Präsident Donald Trump auch für andere Herkunftsländer verlangt.

Kann der IS noch immer Anschläge im Ausland organisieren?

Als der IS immer weiter aus dem von ihm kontrollierten Territorium vertrieben wurde, warnte der britische Geheimdienst MI6 davor, dass die Gruppe nun zu „asymmetrischen Angriffen“ übergehen könnte. Selbst als die IS-Miliz weit zurückgedrängt wurde, beanspruchte sie noch immer zahlreiche Anschläge in verschiedenen Ländern für sich. Allerdings handelte es sich bei den Attentätern häufig um Einzeltäter, die ohne Auftrag handelten, sich aber zum IS bekannten.

Der IS hatte schon vor Jahren Sympathisanten im Ausland aufgefordert, ihre eigenen Anschläge zu planen. Anfang 2018 erklärte das Central Command des US-Militärs, der Islamische Staat sei immer noch widerstandsfähig und in der Lage, zu Anschlägen im gesamten Nahen Osten und darüber hinaus aufzurufen.

Was bedeutet der Sturz des IS für den weltweiten Jihad?

Auch wenn das zentrale Territorium des IS im Irak und in Syrien lag, zogen Jihadisten in anderen Ländern in den Kampf, so in Nigeria, im Jemen und in Afghanistan. Und diese radikalen Islamisten erklärten sich zu Verbündeten des IS.

Es bleibt offen, ob solche Gruppen weiterhin das Banner des IS tragen werden. Das hängt stark davon ab, ob IS-Anführer Bagdadi noch lebt oder nicht. Doch es ist unwahrscheinlich, dass die Extremisten bald ihre Angriffe einstellen werden.

Die Al-Kaida tritt auch Jahre nach dem Tod ihres Gründers Osama bin Laden in zahlreichen Ländern in verschiedenen Gruppen in Erscheinung. Auch andere radikal-islamische Gruppen sind in Ländern aktiv, in denen die Regierung zusammengebrochen ist.

Die jihadistische Ideologie hat lange Zeit bewiesen, dass sie in der Lage ist, sich anzupassen. Und es gibt genug Kriege, Ungerechtigkeit, Unterdrückung, Armut, Sektierertum und blanken religiösen Hass, den die Extremisten für sich nutzen können.