Letztes Update am Mi, 05.06.2019 15:44

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Sudan

60 Tote bei Niederschlagung von Protesten gegen Militärrat im Sudan

Obwohl das Vorgehen der Sicherheitskräfte international scharf kritisiert wurde, konnte sich der UNO-Sicherheitsrat nicht auf eine einheitliche Haltung zu der Krise einigen.

© AFP



Khartum – Nach dem gewaltsamen Vorgehen der Armee gegen die Protestbewegung im Sudan ist die Zahl der Toten auf 60 gestiegen. Hunderte weitere Verletzte des „Massakers“ in der Hauptstadt Khartum würden noch behandelt, teilte das Zentralkomitee sudanesischer Ärzte am Mittwoch mit.

Obwohl das Vorgehen der Sicherheitskräfte international scharf kritisiert wurde, konnte sich der UNO-Sicherheitsrat nicht auf eine einheitliche Haltung zu der Krise einigen.

Das regierende Militär hatte am Montag in Khartum gewaltsam Blockaden von tausenden Demonstranten geräumt, die seit rund zwei Monaten eine zivile Regierung für das nordostafrikanische Land fordern. Das Ärztekomitee, das der Protestbewegung nahesteht, machte konkret „Milizen“ des herrschenden Militärrats für das „Massaker“ verantwortlich. Demnach gingen Sicherheitskräfte zwei Tage lang massiv gegen Demonstranten vor.

Die Zahl der Opfer könnte womöglich noch weiter steigen. Unter den Verletzten gebe es immer noch viele, deren Zustand ernst sei, sagte ein Arzt der Nachrichtenagentur AFP. Die meisten Krankenhäuser hätten mehr Opfer aufgenommen, als ihre Kapazitäten zuließen, Personal und Blutkonserven seien knapp. Zudem seien Operationen „schwierig“, da einige Eingriffe nur in bestimmten Kliniken vorgenommen werden könnten.

Die sudanesische Ärztegewerkschaft warf den Sicherheitskräften Angriffe auf Krankenhäuser und Mitarbeiter im ganzen Land vor. In der Hauptstadt seien mehrere Frauen vergewaltigt worden, erklärte die Gewerkschaft, ohne eine Quelle für ihre Angaben zu nennen.

Die Lage in Khartum blieb weiterhin überaus angespannt. Im Norden der Hauptstadt errichteten Hunderte Bewohner aus Steinen Straßenbarrikaden, wie ein Augenzeuge AFP berichtete. Entfernt waren Schüsse zu hören. Einem AFP-Reporter zufolge gab es am frühen Mittwochmorgen auch in einem Stadtteil Schüsse, in dem verschiedene Botschaften angesiedelt sind.

Militärrat „bedauert“ Vorfälle

Der Militärrat erklärte, er „bedauert“ die Vorfälle und bezeichnete sie als schiefgelaufene „Aufräumarbeiten“. Darüber hinaus signalisierte der Vorsitzende, General Abdel Fattah al-Burhan, Verhandlungsbereitschaft. Der Militärrat sei „ohne Einschränkung“ offen für Gespräche, um eine Regierung zu bilden, die „die Erwartungen der sudanesischen Revolution in jeder Hinsicht widerspiegelt“.

Einen Tag zuvor hatte er die Vereinbarungen mit der Protestbewegung für eine Übergangsregierung unter Beteiligung von Zivilisten aufgekündigt und Neuwahlen binnen neun Monaten angekündigt. Die Protestbewegung wies dieses Vorgehen zurück und forderte ihre Anhänger zu einem „totalen zivilen Ungehorsam“ auf, um die Militärführung zu stürzen.

Der Militärrat hatte nach dem Sturz des langjährigen Staatschefs Omar al-Bashir infolge von monatelangen Massenprotesten im April die Führung übernommen. Mit diesem einigte sich die Protestbewegung Mitte Mai grundsätzlich darauf, dass ein gemeinsamer Übergangsrat die Geschicke des Landes in den kommenden drei Jahren lenken soll. Seither herrschte aber Streit darüber, welche Seite dieses Gremium führen soll.

Die Eskalation des Konflikts rief international Besorgnis hervor. Nach Angaben von Diplomaten blockierten allerdings die Vetomächte China und Russland im UNO-Sicherheitsrat am Dienstag eine Erklärung, mit der unter anderem das gewaltsame Vorgehen der Streitkräfte verurteilt werden sollte.

Gemeinsame Erklärung von acht EU-Staaten

Deshalb veröffentlichten acht EU-Staaten eine gemeinsame Erklärung. Darin verurteilten Deutschland, Belgien, Frankreich, Großbritannien, Italien, Polen, Schweden und die Niederlande „gewalttätige Angriffe“ auf Zivilisten.

Das Außenministerium in Wien hat seine Reisehinweise nach der blutigen Gewalt bisher nicht geändert. Auf der Homepage des Ministeriums heißt es seit dem 11. April unverädnert: „Die Lage im Sudan ist derzeit angespannt. Bei Protesten kommt es zu Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften, die auch Todesopfer fordern. Gewalttätige Ausschreitungen können auch in der Hauptstadt Khartum nicht ausgeschlossen werden. In einigen Bundesstaaten wird immer wieder begrenzt der Ausnahmezustand ausgerufen. Die Lage ist auf Grund der jüngsten Entwicklungen besonders unübersichtlich. Es wird geraten, sich von Demonstrationen und sonstigen größeren Menschenansammlungen fernzuhalten und Anweisungen der lokalen Sicherheitskräfte Folge zu leisten.“ Das deutsche Auswärtige Amt rät seit Mittwoch von nicht dringend erforderlichen Reisen in den Sudan ab. (APA/AFP)




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