Letztes Update am Mo, 30.09.2019 08:01

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Mord an Kritiker

Das Gespenst von Khashoggi hängt weiter über Saudi-Arabien

Der Mord an dem Kritiker hat das Ansehen des Königreichs nachhaltig beschädigt. Eine Imagekampagne soll das jetzt wieder ändern.

Der Journalist Jamal Khashoggi wurde 2018 getötet.

© AFPDer Journalist Jamal Khashoggi wurde 2018 getötet.



Von Anuj Chopra/AFP

Istanbul – Nach dem Mord an dem Journalisten Jamal Khashoggi im Konsulat Saudi-Arabiens in Istanbul hatte der mächtige Kronprinz Mohammed bin Salman gehofft, dass die Tat rasch vergessen würde. Doch ein Jahr später ist klar, dass die Bluttat sein Ansehen langfristig beschädigt hat. Wurde der junge Thronfolger zuvor von Staatsführern und Unternehmern als mutiger Reformer gefeiert, der entschlossen Gesellschaft und Wirtschaft des Wüstenkönigreichs öffnet, wird er heute von vielen früheren Verbündeten im Westen gemieden.

„Das Gespenst von Jamal Khashoggi hängt über dem Königreich von Saudi-Arabien“, sagt Bruce Riedel, Autor des Buchs „Kings and Presidents“. „Der ermordete Journalist und Kommentator ist nicht vergessen worden, wie Kronprinz Mohammed bin Salman gehofft hatte.“ Bis heute bestreitet der Thronfolger jede Kenntnis von dem Plan zur Ermordung Khashoggis, doch bleibt der Verdacht, dass er die Tat in Auftrag gab, um einen lästigen Kritiker los zu werden.

Beweise sprechen gegen Prinz Salman

Die UN-Sonderberichterstatterin Agnes Callamard sieht „glaubwürdige Beweise“ dafür, dass der Kronprinz hinter der Tat am 2. Oktober vergangenen Jahres steckte und versucht hat, die Spuren zu verwischen. Auch der US-Geheimdienst CIA kam Medienberichten zufolge zu dem Schluss, dass bin Salman die Anordnung gab für die Geheimdienstaktion, die zur Tötung des Washington Post-Kolumnisten im Istanbuler Konsulat und zur Beseitigung seiner Leiche führte.

Die Tat hat die Menschenrechtslage in Saudi-Arabien in den Fokus gerückt und westliche Alliierte auf Distanz gehen lassen. Der US-Kongress, der der aggressiven Außenpolitik des Königreichs schon lange kritisch gegenübersteht, hat zum Unmut von US-Präsident Donald Trump Waffenlieferungen nach Saudi-Arabien ausgesetzt. Auch Deutschland hat seine Rüstungsexporte wegen des Khashoggi-Mords und Riads brutaler Militärintervention im Jemen auf Eis gelegt.

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Mord hat Saudis isoliert

„In gewissem Maße hat der Mord an Khashoggi Saudi-Arabien in der Welt isoliert“, sagt der Saudi-Arabien-Experte Quentin de Pimodan. „Saudi-Arabien ist auf sich gestellt, mit der Bedrohung durch den Iran und den Krieg im Jemen zurechtzukommen.“ Die US-Regierung habe zwar nach den Angriffen auf die saudi-arabischen Ölanlagen am 14. September Patriot-Luftabwehrraketen zur Verteidigung des Landes geschickt, sehe sich aber nicht länger abhängig vom Öl des Königreichs.

Zwar erscheint die Macht des Kronprinzen derzeit nicht ernsthaft bedroht. Im vergangenen Jahr hat er sogar seine Kontrolle über die Sicherheitsdienste gestärkt und die Repressionen gegen politische Rivalen, konservative Geistliche und Frauenrechtsaktivistinnen verschärft. Doch seine Bemühungen, die Wirtschaft zu diversifizieren und die Abhängigkeit des Königreichs vom Öl zu reduzieren, scheinen seit dem Khashoggi-Mord an Schwung verloren zu haben.

Riad will Image wieder verbessern

Zwar hat die Tat ausländische Konzernchefs nicht daran gehindert, weiter zu Wirtschaftsgipfeln nach Riad zu reisen. Doch der ursprünglich vergangenes Jahr geplante Börsengang des staatlichen Ölkonzerns Aramco ist weiter aufgeschoben. Am Freitag kündigte die Führung in Riad an, erstmals Touristenvisa auszustellen – als Teil ihrer Bemühungen, den verschlossenen Wüstenstaat stärker zur Welt zu öffnen. Doch war dieser Schritt schon viel früher erwartet worden.

Mit einer aufwendigen PR-Kampagne versucht Riad nun, das Image des Landes in der Welt zu ändern. „Saudi-Arabien hat westliche Influencer angeheuert, um in den sozialen Medien für das Königreich zu werben und nach dem Khashoggi-Mord sein Ansehen zu verbessern“, sagt der Forscher de Pimodan. „Doch der Fleck des Mordes wird nur schwer abzuwaschen sein.“