Letztes Update am Di, 15.07.2014 14:00

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Ukraine-Konflikt

Propaganda-Bericht über gekreuzigtes Kind empört Russen

Das russische Staats-TV berichtete ohne Belege und nur auf Grund einer nicht sehr glaubwürdigen Quelle über eine angebliche Gräueltat ukrainischer Truppen am zentralen Platz der Stadt Slawjansk. Kremlkritiker sehen darin reine Propaganda.



Moskau - Ukrainische Truppen hätten am 5. Juli nach ihrem Einmarsch in Slowjansk (Slawjansk) auf einem zentralen Platz der Stadt ein Kleinkind gekreuzigt: Ein diesbezügliches am Samstag vom staatlichen russischen Fernsehsender „1“ ausgestrahlte Sujet sorgt für Kritik - gerade auch in Russland. Denn Indizien sprechen dafür, dass es sich bei der Geschichte um reine Propaganda ohne Realitätsbezug handelt.

Der erste staatliche Fernsehsender hatte den Beitrag, der auf einem einzigen Interview mit einer nach Russland geflohenen Ukrainerin basierte, am Samstagabend in der populären Nachrichtensendung „Wremja“ („Zeit“) ausgestrahlt. Das Gespräch mit „Galina aus Slowjansk“, so hieß es bereits in der Anmoderation, hinterlasse „vielfältige Emotionen“: „Der Verstand will nicht verstehen, dass Derartiges in unserer Zeit und im Zentrum Europas überhaupt sein kann, das Herz glaubt nicht, dass dies möglich ist“, erklärte Moderator Witali Jelisejew.

Frau schilderte angebliche Gräueltat im Detail

Als ukrainische Truppen Slowjansk übernahmen, hätten sich, erzählte Galina, Frauen und Kinder am Leninplatz vor der Lokalverwaltung versammelt: „Sie (ukrainische Soldaten, Anm.) nahmen einen dreijährigen Knaben und schlugen ihn wie Jesus auf eine Tafel, einer schlug Nägel, zwei weitere hielten das Kind.“ Alles hätte sich vor den Augen der Mutter zugetragen, die nach einem eineinhalbstündigen Martyrium ihres Sohnes das Bewusstsein verlor. Anschließend sei die Mutter auch noch von einem Panzer um den Platz geschleift worden.

Während des Gesprächs, das im Süden Russlands aufgezeichnet wurde, weinte die Frau wiederholt. Die Interviewerin bemühte sich durch ihre Fragen zu betonen, dass das Erzählen dieser „Wahrheit“ für die Gattin eines pro-russischen Kämpfers und Mutter von vier Kindern mit großer Gefahr verbunden sei. Sie stamme aus Transkarpatien im Westen der Ukraine, antwortete Galina, und gelte dort als Volksverräterin: „Meine Mutter hat mir gesagt: Komm‘ nach Hause und ich erschieße dich!“

Keine weiteren Zeugen

Zweifel am Realitätsbezug des Geschilderten wurde gleich nach der Ausstrahlung laut. Nicht nur wegen mancher Details: Galinas Akzent - so bestätigen auch Gesprächspartner der APA aus Transkarpatien - stammt hörbar nicht aus der Westukraine, der Platz um die Lokalverwaltung ist nicht nach Lenin, sondern nach der Oktoberrevolution benannt. Insbesondere aber gibt es für ein derart monströses Verbrechen keinerlei Belege oder weitere Zeugen. Auch Videobefragungen Slowjansker Bewohner an Ort und Stelle, die die russische „Nowaja Gaseta“ am Sonntag veröffentlichte, sprechen dafür, dass diese „Kreuzigung“ nie stattgefunden hat.

Oppositionspolitiker und Intellektuelle in Russland, die die Geschichte als reine Propaganda erachten, üben deshalb auch heftige Kritik am Fernsehsender. Dafür müsste es eigentlich ein gerichtliches Nachspiel geben, diese Leute (die Verantwortlichen von „1“, Anm.) seien gemeingefährlich, erklärte der Moskauer Oppositionelle Aleksej Nawalny: „Selbst wenn sie bloß eine verrückte Frau für ihre Zwecke benutzen, ändert das nichts an der Sache.“ Zahlreiche ukrainische Medien erinnerten in ihrer Berichterstattung über den Fernsehbeitrag, dass Präsident Wladimir Putin erst dieser Tage NS-Propagandaminister Joseph Goebbels als „talentiert“ bezeichnet hatte.

Szene aus TV-Serie „Game of Thrones“ entlehnt?

Über die Entstehung dieses Fernsehsujets selbst gab es lediglich Spekulationen: Der russische Publizist Wladimir Golyschew vermutet, dass der Beitrag nach einer Textvorlage des Moskauer Rechtsaußen-Intellektuellen Aleksandr Dugin entstanden sein könnte und die Ukrainerin lediglich als Schauspielerin auftrat. Dugin hatte auf Facebook bereits vor einige Tagen eine ähnliche Gräuelgeschichte verbreitet. Golyschew spekulierte auch, dass Dugin die beschriebene Szene aus der amerikanischen Fernsehserie „Game of Thrones“ entlehnt haben könnte.

Die Erzählung von „Galina aus Slowjansk“ erinnert gleichzeitig aber auch an vermeintliche jüdische Ritualmorde - Kreuzigungen christlicher Knaben gehören seit dem Mittelalter zum Repertoire des europäischen Antisemitismus. Einschlägige Codes spielen auch in der Propaganda gegen die neuen Machthaber in Kiew eine merkliche Rolle - zuletzt war deshalb auch wiederholt von Juden und ukrainischen Nationalisten die Rede, die gemeinsam gegen Russen vorgingen. (APA)




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