Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 11.06.2015


Exklusiv

Tirol könnte nur mit Solarenergie durchkommen

Würde auf allen geeigneten Dächern Solarstrom erzeugt, wäre der jährliche Stromverbrauch in Tirol gedeckt. Alle Dächer wurden erfasst.

Südtirol hat Tirol in Sachen Solarenergie abgehängt. Sonne gäbe es dies- und jenseits des Brenners genug, um den Bedarf zu decken.

© BöhmSüdtirol hat Tirol in Sachen Solarenergie abgehängt. Sonne gäbe es dies- und jenseits des Brenners genug, um den Bedarf zu decken.



Von Anita Heubacher

Innsbruck – Wer wissen will, ob sich sein Haus besonders gut oder gar nicht für die Erzeugung von Solarstrom eignet, kann das auf www.tirol.gv.at nachschauen. Alle Dächer in Tirol wurden erfasst. Dunkelrot sind jene eingefärbt, auf die die Sonne am längsten und am häufigsten scheint, hellblau solche, wo sich keine Photovoltaik-Anlage lohnt. Alle Monate, alle Jahres- und Tageszeiten wurden untersucht. Sieben Millionen Quadratmeter Dachfläche sind demnach für die Solarstromnutzung bestens geeignet, erzählt Manfred Riedl, Leiter der Landesstatistik. „Auf allen geeigneten Dächern Tirols könnte man so viel Energie erzeugen, wie jährlich in Tirol verbraucht wird.“ Das sorgte selbst unter Fachleuten im Haus der Begegnung in Innsbruck für Staunen. Klimabündnis Tirol, Energie Tirol und das Land hatten zu „Raum für Zukunft“ geladen, um über Raumordnung und Energieeffizienz zu diskutieren.

Derzeit ist der Anteil von Solarstrom an der Gesamtproduktion in Tirol ein äußerst geringer. Zudem hatte zuletzt der landeseigene Energieversorger Tiwag die Förderungen für das Einspeisen von Strom aus privaten Photovoltaik-Anlagen gekürzt. Das trifft vor allem die Solar-Pioniere, also jene, die früh auf die Sonne gesetzt und mit den Einspeistarifen kalkuliert hatten. Für neue Anlagen gibt es eine Förderung bei der Investition. Umstritten bleibt die Kürzung dennoch. In Südtirol ist der Anteil an Solarenergie weit höher, aber insgesamt trotzdem gering. In Tirol wurden 41 Gigawattstunden mit Photovoltaik erzeugt und 6323 Gigawattstunden verbraucht.

Eine Gemeinde der Zukunft könnte dennoch allein von der Produktion von Solarstrom leben. „Es bräuchte Nutzergemeinschaften, die einen Ausgleich unter den Haushalten und Betrieben schaffen könnten“, sagt Manfred Riedl. Soll heißen: Wenn Nachbars Dach am Vormittag besser beschienen wird und ein anderes am Nachmittag, könnte ausgeglichen werden. Um Tag und Nacht, Winter und Sommer auszugleichen, bräuchte es allerdings einen Batteriespeicher. „Am idealsten wäre Solar mit anderen Energieformen zu nützen.“ Und die beste Nutzergemeinschaft hilft nichts, wenn das Netz nicht passt. Die Leitungen gehören der Tiwag und die dürfte mit der Gemeinde der Zukunft, die vom Solarstrom lebt, ein Problem haben.

Ob Solar und Wind auch für die Tiwag ein Geschäft sein könnten, will Schwarz-Grün herausfinden. Die Regierungsparteien haben im März einen Antrag im Landtag eingebracht. Die Tiwag solle neue Kompetenzfelder wie Tisolar und Tiwind prüfen und dem Landtag berichten. Investitionen in Solar- und Windenergie könnten zur Versorgungssicherheit beitragen, meinen die Abgeordneten von ÖVP und Grünen. Die Regierung will Tirol bis 2050 energie­autonom machen.

Energie-Vergleich

Erzeugung: In Tirol werden jährlich 7566 Gigawattstunden Strom erzeugt und 6323 Gigawattstunden im Jahr verbrauch. In Südtirol werden 6399 Gigawattstunden erzeugt und 3065 verbraucht. Das ist weit weniger als in Nordtirol, Südtirol hat um 200.000 Einwohner weniger.

Photovoltaik: Südtirol schlägt Nordtirol um Längen. Jährlich werden südlich des Brenners 253 Gigawattstunden produziert, in Nordtirol sind es 41 Gigawattstunden. In beiden Landesteilen ist der Anteil an Photovoltaik an der Gesamtproduktion gering. Dazu kommen noch thermische Solaranlagen.

Potenzial: Würden alle geeigneten Hausdächer für Solarenergie genützt, könnte der gesamte Stromverbrauch in Tirol abgedeckt werden. Sieben Millionen Quadratmeter Dachfläche wären in Tirol bestens geeignet für Solarstromnutzung.