Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 09.06.2016


Kitzbühel

„Über uns wird drübergefahren“

Bald sollen in St. Ulrich 25 Flüchtlinge untergebracht werden. Bei einem Infoabend wurde die Bevölkerung über Details informiert. Die konträren Meinungen der Zuhörer sorgten für eine aufgeheizte Stimmung.

© HotterZum Infoabend über Flüchtlinge im Kultur- und Sportzentrum St. Ulrich kamen rund 200 Zuhörer, die geteilte Meinungen vertraten.



Von Miriam Hotter

St. Ulrich a. P. – Der kleine Saal ist zum Bersten voll. Das Thema an diesem Abend liegt der Bevölkerung in St. Ulrich am Herzen. Bald sollen 25 Asylwerber in der Gemeinde ein neues Zuhause finden. Das bereitet vielen Kopfzerbrechen. Die Bürgermeisterin Brigitte Lackner lud deshalb am Dienstag zu einem Infoabend ins Kultur- und Sportzentrum St. Ulrich.

Für Verstärkung am Podium hat Lackner gesorgt. Ebenfalls informieren an diesem Abend: Bezirkshauptmann Michael Berger, Georg Hochfilzer und Edwin Veldt von den Tiroler Sozialen Diensten (TSD), Bezirkspolizeiinspektor Martin Reisenzein, Thomas Seeber von der Polizeiinspektion Fieberbrunn, Vizebürgermeisterin in Schwendt Maria Scherme­r, Gertraud Rief von der Kitzbüheler Flüchtlingsinitiative und Kitzbühels Sozialreferentin Hedi Heidegger.

Schnell wird klar: An diesem Abend sind nicht nur Befürworter anwesend. „Über uns wird drübergefahren!“ – die Zwischenrufe kommen schon bei der Einführung.

Die Bürgermeisterin versucht die aufgeheizte Stimmung abzukühlen, indem sie davon erzählt, wie der Stein ins Rollen kam. Ein Herr aus der Gemeinde sei vor vier Wochen an sie herangetreten und habe sein Haus für eine mögliche Flüchtlingsunterkunft angeboten. „Zehn Tage später wurde das Haus begutachtet und für gut befunden.“

Die ersten Fragen lassen nicht lange auf sich warten. „Kommen Familien oder Einzelpersonen her? Und von welchen Nationalitäten sprechen wir überhaupt?“, will ein direkter Anrainer wissen. Geor­g Hochfilzer (TSD) erklärt, dass man das von vornherein nicht sagen könne. „Jene Menschen, die in Österreich um Asyl ansuchen, kommen hauptsächlich aus Afghanistan, Iran, Syrien, Irak und Somalia“, zählt Hochfilzer auf.

Die Zuhörer reagieren zum Teil mit Unverständnis. Sätze wie „Es gibt nicht nur Gutmenschen!“ und „Haben wir denn überhaupt nicht mitzureden?“ fallen im Saal. Auch junge Männer wolle man hier nicht, die „nur Flausen im Kopf haben“. Die Bürgermeisterin betont, dass vor allem Familien nach St. Ulrich kommen sollen und dass noch nichts unterschrieben sei. Die endgültige Entscheidung müsse der Gemeinderat treffen.

Der Sache positiv gegenüber steht aber auch eine ganz­e Reihe an Zuhörern, die ihre Mitbürger ermutigen wollen. „Das werden wir doch schaffen“, meldet sich eine Frau zu Wort. Eine andere meint: „Ihr habt doch nur Angst vor etwas, das ihr nicht kennt.“ Darauf folgt laut Beifall.

Vor dem „Fremden“ brauche man sich nicht zu fürchten, wie Gertraud Rief erklärt. „Alle Menschen fühlen die gleichen Schmerzen und brauchen einander.“ In dieselbe Kerbe schlägt Maria Schermer und erzählt von positiven Erfahrungen mit den Flüchtlingen in Schwendt.

Auch Bezirkspolizeiinspektor Martin Reisenzein will beruhigen. „Die Polizei führt regelmäßig Streifen durch und sieht nach dem Rechten. Außerdem zeigt eine Statistik unter den 22 Flüchtlingsheimen im Bezirk, dass es im April nur 16 Einschreitfälle gegeben hat. Dazu zählt auch das Heim am Bürglkopf, das als Hotspot gilt“, so Reisenzein.

Nach zweieinhalbstündiger Diskussion waren die Fronten immer noch verhärtet. Die Bürgermeisterin hielt fest, dass es nun einmal Menschen gibt, die aus ihrer Heimat vertrieben werden. „Sie haben ein Recht auf Hilfe.“