Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 25.07.2016


Exklusiv

Kleinwasserkraftwerke geraten finanziell massiv unter Druck

Strommarkt lässt Gemeinden zittern: Im Land schrillen die Alarmglocken, Energiereferent Josef Geisler bestätigt Überlegungen von Landeshaftungen.

© WenzelDas Kraftwerk Stanzertal wurde um 58 Millionen Euro errichtet, der Strommarkt wirbelt derzeit die Kalkulationen der Betreiber durcheinander. Die Gemeinden stehen unter Druck.Foto: Wenzel



Von Peter Nindler

Innsbruck – Die Kleinwasserkraftwerke sind in den vergangenen Monaten in die Problemzone gerutscht. Mit dem Verfall der Strompreise geraten vor allem jene Kraftwerke in finanzielle Schieflage, die erst vor wenigen Jahren in Betrieb gegangen sind. Die Refinanzierung über die Stromeinspeisung spielt es derzeit nicht. Statt Gewinne abzuwerfen, werden die Kleinkraftwerke zur Sparkasse. „Bei nicht einmal drei Cent je Kilowattstunde kann niemand Wasserkraftwerke betreiben, geschweige denn revitalisieren oder neue errichten“, sagte der Präsident von Kleinwasserkraft Österreich Christoph Wagner. Dem Verband gehören mehr als 1000 Wasserkraftbetreiber in Österreich an. Aufgrund der niedrigen Preise befürchtet Wagner, dass möglicherweise ein Drittel der Kleinkraftwerke stillgelegt wird. Sechs Cent für eine Kilowattstunde wären aus seiner Sicht betriebswirtschaftlich notwendig.

Auch in Tirol hat sich die Situation massiv zugespitzt. Zuletzt wurden intensive Gespräche in der Landesregierung geführt. Rund 950 Kleinwasserkraftwerke gibt es im Land, sie versorgen an die 435.000 Haushalte. Gemeinden, die in den vergangenen Jahren in Kleinwasserkraft investiert haben und jetzt Darlehen zurückzahlen müssen, geraten unter Druck. Und sie stehen letztlich im Innsbrucker Landhaus auf der Matte. Selbst das im Oktober 2014 eröffnete und als Vorzeigekleinkraftwerk bezeichnete Kraftwerk Stanzertal im Oberland ist davon betroffen. Als Gesellschafter der Wasserkraft Stanzertal GmbH fungieren die Gemeinden St. Anton, Pettneu, Flirsch, Strengen und Zams sowie die E-Werke Reutte, die Energie- & Wirtschaftsbetriebe St. Anton GmbH, die Stadtwerke Imst und der Projektentwickler Infra.

Mit sechs bis sieben Cent haben die Betreiber gerechnet, aus den Stromerlösen sollten letztlich die Investitionskosten abgegolten und die Kredite bedient werden. Das ist derzeit aber nicht möglich. Die Bürgermeister haben deshalb bereits bei der Landespolitik vorgesprochen, über Lösungen wird verhandelt. 58 Millionen wurden in das Kraftwerk Stanzertal investiert.

Energiereferent und Landeshauptmannstellvertreter Josef Geisler (VP) bestätigt die prekäre Lage der „neu errichteten Anlagen“. Jene, die bereits abgeschrieben seien, hätten keine großen Probleme. „Schuld an der Misere ist die völlig verfehlte Energiepolitik in Europa und die falschen Förderungen“, übt Geisler scharfe Kritik. Gleichzeitig geht er davon aus, dass die Strompreise doch wieder anziehen würden. „Es gibt leichte Anzeichen dafür, für die in Tirol angestrebte Energiewende benötigen wir nämlich auch die Kleinwasserkraft.“

Als mögliche Hilfestellungen für die Gemeinden werden Landeshaftungen überlegt. „Es geht außerdem darum, Kredite zu strecken, damit die betroffenen Kommunen die finanzielle Belastung stemmen können.“ Und einige würden wohl frisches Kapital benötigen. Angesprochen auf das Kraftwerk Stanzertal geht Geisler davon aus, dass hier sicher ein Ausweg gefunden wird, „schließlich gibt es mit den E-Werken Reutte einen leistungsfähigen Gesellschafter“.

Die Gemeinde Strengen hat rund 230.000 Euro an Darlehen für das Kraftwerk Stanzertal aufgenommen. Für Bürgermeister Harald Sieß ist die Finanzierung trotz der niedrigen Energiepreise allerdings gesichert. Er bestätigt Verhandlungen darüber. Die Entscheidung über den Kraftwerksbau bereut er keinesfalls. „Das war eine wichtige Investition in die Zukunft.“