Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 21.08.2016


Exklusiv

Roms Müllzüge werden durch Tirol fahren

Österreich ist bereits jetzt der größte Importeur von italienischem Müll. Nun will Rom weitere 70.000 Tonnen Müll durch Tirol transportieren.

© AFPDie "Ewige Stadt" hat ein massives Müllproblem. 660 Kilo produziert jeder Römer im Jahr, die Stadt kommt mit der Entsorgung nicht mehr nach.



Von Brigitte Warenski

Innsbruck, Wien – Es ist nicht das erste Mal, dass Italien einen Mülldeal mit Österreich und Deutschland machen will. Schon vor Jahren gingen Müllzüge von Sizilien und Neapel Richtung Norden, weil Italien wegen fehlender Deponien und Verwertungsanlagen sowie Anrainerprotesten nicht mehr Herr der immensen Müllberge wurde. Nun hat sich, wie berichtet, aktuell auch die Stadt Rom an Deutschland und Österreich gewandt, um Hilfe bei der Bewältigung ihrer Müllkrise zu bekommen.

Am vergangenen Dienstag ist laut Magdalena Rauscher-Weber, Pressesprecherin von Landwirtschafts- und Umweltminister Andrä Rupprechter, die offizielle Anfrage Roms eingegangen. „Es geht um 70.000 Tonnen Siedlungsabfall – also Hausmüll – zur thermischen Verwertung in Österreich. Wir werden diese Anfrage nun fachlich und rechtlich prüfen“, sagt die Pressesprecherin. Es kommt dann vor allem darauf an, „ob die Verwertungsanlagen freie Kapazitäten haben, denn die Verwertung von heimischem Müll darf darunter nicht leiden. Auch wenn es manche nicht gerne hören, aber wir müssen auch darauf schauen, dass unsere hochmodernen Abfall­behandlungsanlagen ausgelastet sind“, so Rauscher-Weber.

Gibt Österreich grünes Licht – wovon auszugehen ist –, steht bereits fest, dass der „Siedlungsabfall in Zügen transportiert wird. Die Transportroute führt jeweils durch Tirol.“ Das gilt dann auch für jene zusätzlichen 50.000 Tonnen Siedlungsabfall, die nach Deutschland verbracht werden sollen. Weil bekannterweise in Roms Hausmüllsäcken zum größten Teil Papier, Glas, Biomüll, aber auch gefährliche Abfälle wie Batterien, Altöl oder Chemikalien unsortiert im Müll landen, verspricht Rauscher-Weber, dass die Siedlungsabfälle „vor Ort chemisch stichprobenartig überprüft werden. Zeigt sich bei uns, dass die Qualität nicht stimmt, wird der Müll zurückgeschickt.“

Bereits jetzt ist laut italienischem Forschungsinstitut ISPRA Österreich der größte Importeur von italienischem Müll. 200.000 Tonnen Müll werden jährlich aus dem Ausland zur „Behandlung“ nach Österreich gebracht, davon kommen 160.000 Tonnen aus Italie­n. In der Regel waren das „solche Siedlungsabfälle, die sich als Ersatzbrennstoffe eignen und z. B. für Verbrennungsprozesse in der Zementherstellung eingesetzt werden“.

Laut Rauscher-­Weber wird in Tirol nur ein Bruchteil aller Müll­importe vorbehandelt (1600 Tonnen im Jahr 2015), 2950 Tonnen Abfälle (keine Siedlungsabfälle) wurden im Jahr 2015 in Tirol stofflich verwertet. Doch auch Österreich und Tirol mussten sich im Gegenzug nach Abnehmern ihres Mülls umsehen. 2015 wurden aus Tirol 16.000 Tonnen gefährlicher, genehmigungspflichtiger Abfälle in Ausland gebracht.

Drei Fragen an Ingeborg Freudenthaler Unternehmerin, Vizepräsidentin Verband Österr. Entsorgungsbetriebe

Drei Fragen an Ingeborg Freudenthaler Unternehmerin, Vizepräsidentin Verband Österr. Entsorgungsbetriebe

1. Gibt es auf heimischen Deponien und in Müllverbrennungsanlagen noch viel Kapazität bzw. wird zwecks mangelnder Auslastung Stoff gebraucht?

Die Müllverbrennungs- und Mitverbrennungsanlagen sind in ganz Österreich sehr gut ausgelastet und es gibt keine Überkapazitäten. Derzeit haben bereits einige Entsorgungsbetriebe Probleme, ihren Abfall unterzubekommen. Dies­e Situation wird sich laut allen Prognosen auch noch verschärfen.

2. Für heimische Entsorger ist das Geschäft mit importiertem Müll ein lukratives, weil ausländische Kunden aufgrund ihrer Notlage oft höhere Preise bezahlen. Wenn Rom z. B. mehr zahlt, könnte es sein, dass in Österreich dann auch der Preis steigt?

Dass ausländische Kunden aufgrund von Not­situationen höhere Preise bezahlen würden, ist ein offenes Geheimnis. Wie überall in der Wirtschaft regelt die Nachfrage den Preis. Das heißt würde der Müll aus Rom in Österreich zu höheren Preisen verbrannt werden, würde sich dies natürlich auch auf die Preise für die heimische Wirtschaft negativ auswirken.

3. Wie stehen Sie grundsätzlich zu grenzüberschreitendem Müll?

Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass Abfall in dem Land behandelt werden soll, in dem er anfällt. Ich gehe davon aus, dass das Lebensministerium einen Import des Mülls aus Rom sehr kritisch sieht — unsere Verbrennungsanlagen sind mehr als ausgelastet, das Prinzip der Nähe kann für Rom auch nicht unbedingt angewandt werden, und last, but not least sind der österreichischen Wirtschaft keine höheren Entsorgungspreise aufgrund einer Hereinnahme des Mülls aus Rom zuzumuten. Nicht zu vergessen ist auch, dass einige der Verbrennungsanlagen in öffentlichem Besitz sind und damit mit öffentliche­m Geld errichtet wurden.