Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 26.08.2016


Tirol

Krise in Landwirtschaft, Politik ringt um Lösungen

Opposition rügt Versagen der VP-Bauernbundpolitik, Agrarreferent Geisler kritisiert Polemik und Bauernkammer bangt vor Viehversteigerungen.

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Innsbruck – Dass Tirols Bauern bei Investitionen zurückhaltend sind, symbolisiert die Krise in der heimischen Landwirtschaft. Die Bilanz des Landeskulturfonds, der Investitionen und neue Betriebskonzepte mit zinsgünstigen Darlehen fördert, hat dies am Mittwoch aufgezeigt. 18,3 Millionen Euro an Krediten wurden im Vorjahr vergeben, wegen der niedrigen Produktpreise (Milch) ist die Investitionsfreudigkeit jedoch stark gedämpft. Und vor den zwei Viehversteigerungen in der kommenden Woche in Rotholz und Imst keimt ebenfalls wenig Hoffnung aus.

„1000 Rinder werden angeboten, um 20 Prozent mehr als üblich. Es gibt einen Absatzstau vom Frühjahr“, betont Landwirtschaftskammerpräsident Josef Hechenberger. Die Milchkrise beeinträchtigt auch den Zuchtviehabsatz, gleichzeitig wollen die Bauern Rinder verkaufen. Die Bauern hoffen zwar auf gute Preise, „doch der Optimismus hält sich in Grenzen“, so Hechenberger. In diesem Zusammenhang hofft er, dass trotz der diplomatischen Krise mit der Türkei diese die Einfuhr von österreichischem Vieh nicht beschränkt. „Nach dem Russland-Embargo wäre das eine Katastrophe, 12.000 Rinder wurden im Vorjahr in die Türkei verkauft.“

Obwohl die Situation „nicht rosig ist und Einkommen wegbrechen“, sieht Hechenberger in Betriebsumstellungen doch Zukunftschancen. „Im Gegensatz zu anderen Ländern gibt es in Tirol den geringsten Strukturwandel. Die Bauern müssen für sich entscheiden, welche Produktion in ihrer Region zielführend ist. Das kann nicht mehr nur die Milchproduktion sein.“

FPÖ und Liste Fritz werfen hingegen der ÖVP vor, ihre Bauern im Stich zu lassen bzw. rügen die Bauernbundpolitik. Das Ende der Milchkontingente sowie die „sinnlosen“ Russland-Sanktionen seien die Ursache für den Überlebenskampf der Tiroler Landwirtschaft, erklären LA Edi Rieger und FP-Nationalrat Gerald Hauser. „Da helfen die Sonntagsreden der ÖVP-Proponenten rein gar nicht.“

Für Liste-Fritz-Klubchefin Andrea Haselwanter-Schneider zeigt die verfehlte Bauernbundpolitik und Beratungstätigkeit der Bauernkammer das Versagen auf. Beim Thema Agrargemeinschaften sei der Bauernbund stets am falschen Gleis unterwegs gewesen, das habe die wahren Probleme der Bauern aber überlagert. Andererseits sei ihnen geraten worden, auf Masse zu setzen, viel Geld in mehr Tiere und mehr Maschinen sowie größere Ställe zu investieren. „Jetzt stehen sie vor dem wirtschaftlichen Ruin“, betont Haselwanter-Schneider. Sie fordert ein Zukunftskonzept mit neuen Produkten, neuen genossenschaftliche Initiativen, neuen Vertriebswegen und neuen Partnern für die Tiroler Bauern.

„Mit der Realität haben die Aussagen von Klubobfrau Haselwanter-Schneider überhaupt nichts zu tun“, ist Agrarreferent LHStv. Josef Geisler (VP) verärgert. Beim Landeskulturfonds sei das Gegenteil der Fall. „Wir raten den Bauern zu zweckmäßigen Investitionen, ihre Zurückhaltung bei Investitionen ist ja Ausdruck ihrer besonderen Vorsicht.“ Und die geforderten Innovationen unterstützen die Landwirtschaftspolitik und der Landeskulturfonds. Da gehe es nicht nur um Förderungen, sondern um Betriebskonzepte, Beratungen und Vermarktungs- und Vertriebshilfen. Geisler: „Was die Opposition verlangt, setzen wir schon seit geraumer Zeit um.“ Die kurzfristige Lösung gebe es nicht, „aber unser Ziel ist die Stärkung einer multifunktionalen Landwirtschaft“, sagt Geisler abschließend.

Nach den Viehversteigerungen steht wieder die Tirol Milch im Mittelpunkt. Möglicherweise erhöht sie erstmals seit Monaten wieder den Milchpreis. Derzeit beträgt er für konventionelle Milch 27,3 Cent pro Liter. (pn)