Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 07.02.2017


Blick von außen

“Lebensraum Tirol 4.0“: Expedition in Tirols Zukunft

Die Präsentation der Initiative „Lebensraum Tirol 4.0“ der Tiroler Landesregierung verursachte viel Wirbel, lieferte aber wenig konkrete Informationen. Andreas Braun versucht, die Hintergründe des Projekts zu erklären.

Tirol 4.0: "Tirol - Herz der Alpen. Ein Lebensraum im Dialog mit der alpinen Natur."

© Thomas BöhmTirol 4.0: "Tirol - Herz der Alpen. Ein Lebensraum im Dialog mit der alpinen Natur."



Innsbruck — Vor Kurzem kündigte die Tiroler Landesregierung eine Initiative „Lebensraum Tirol 4.0" an. Viel geredet, wenig gesagt? Die Öffentlichkeit nahm die Ankündigung mit der üblichen Skepsis gegenüber politischen Überschriften wahr.

Was liegt zugrunde und ging voraus?

Zunächst geht es nicht um ein TirolHaus oder um die Reorganisation bestehender Organisationen. Im Mittelpunkt der Überlegungen steht allein der gute Ruf unseres Landes Tirol, sein Bild nach innen und außen, geprägt durch eine komplexe Orchestrierung von Leistungen, Emotionen, Zeichen und Botschaften.

Blenden wir zurück: „Das arme Land Tirol" vermarktete sich vom Kaiser Max über die Rainer Sänger bis zu den Schiolympioniken mit dem Argument idyllischer Kulturlandschaft und dem Magnetismus sportiv-folkloristischer Lustversprechungen. Dieser Vermarktung verdankt unser Land sehr viel: zum einen Wohlstand und das klare Profil eines Urlaubsparadieses im Herzen der Alpen und zum anderen die Chance einer assoziativen Übertragung des guten touristischen Rufes auf Leistungen in Landwirtschaft, Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft.

Profilierung und integrierte Vermarktung des Standortes

Über die Nutzung und Verstärkung dieses Imagetransfers wurde seit zehn Jahren in der Landesregierung, den Kammern, der Tirol Werbung, der Standortagentur und dem Agrarmarketing unter der Federführung von Michael Brandl nachgedacht und erste gemeinsame Projekte — siehe TirolBerg — umgesetzt. Weltweite Ansätze von „Nation bzw. Region — Branding" flossen ebenfalls ein. Schließlich kam es im Jänner 2016 zur Beauftragung von „brandlogic" mit dem Projekt „Profilierung und integrierte Vermarktung des Standortes Tirol unter dem Dach der Marke Tirol" und zur Bestellung meiner Person als Koordinator dieses Prozesses. Eine halbjährige Arbeit mit 60 führenden Entscheidungsträgern und Meinungsbildnern brachte folgende Ergebnisse:

TT-ePaper gratis testen

Jetzt kostenlos TT-ePaper lesen, das Test-Abo endet nach 4 Wochen automatisch

Schritt 1 / 3

In nur 30 Sekunden gelangen Sie zum kostenlosen Test-Abo.

1 Vermarktungsfähig ist nur, was man — bestenfalls mit Alleinstellung — tatsächlich leistet.

2 Acht Leistungsfelder stärken vorrangig die Marke Tirol: Elementare alpine Erlebnisse, Heimat des Bergsports, Aktivste Outdoor-Szene der Alpen, Schätze der alpinen Landwirtschaft, Führend in alpiner Technologie, Pionier des gesunden Lebens, Das Forschungs- & Bildungszentrum der Alpen, Spannungsbogen Kultur & alpine Natur.

3 Arbeitstitel des Zukunftsprofils: „ein Lebensraum im Dialog mit der Natur" bzw. „leben, forschen und wirtschaften mit der Natur".

4 Die Leistungsfelder sollen sich wesentlich besser vernetzen: von alten Egosystemen zu neuen Ökosystemen, von starren Echokammern zu offenen Austausch- und Kooperationsplattformen.

5 Der Sender Tirol Werbung soll, zusätzlich dotiert, auf neuen Frequenzen das oben skizzierte Tiroler Leistungsspektrum ins Land hinein und in die Welt hinaus kommunizieren.

Enkelgerechte Architektur des Landes weiterbauen

Stichwort Vernetzung: Arthur Köstler, ein früher Besucher des „Forum Alpbach", meinte in seinem Buch „Der göttliche Funke", dass so genanntes Neues meist das phantasievoll neu verschränkte Alte sei: Gernot Langes kombinierte mit den „Kristallwelten" erstmalig Tiroler Tourismus mit Tiroler Industrie. Karl Gabl verband seine Kompetenzen als Bergführer und Meteorologe: Er berät die Spitzenbergsteiger von Patagonien bis in den Himalaya. Die Ischgler holten den Pop mit Tina Turner auf die Idalpe, Jack Falkner ließ Hubert Lepka eine Freiluft­oper „Hannibal" mit Pistenraupen als Protagonisten inszenieren und lädt führende Philosophen zum „Denken im Eis" ein. Die Tiroler „Produktvisionärin" Therese Fiegl entwickelt mit der Konditorei Haag und Tiroler Grauviehzüchtern die „Tiroler Edle". Harald Gohm gründet in der Patscherkofel-Bergstation eine Co-Working -Plattform. Andreas Schett übersetzt mit Franui das Villgraten für ein internationales Konzertpublikum. Thomas Weninger erfand das TV-Format „Wettergipfel". Martin Lechner belebt für sein Zillertal Bier den Anbau von Gerste.

Diese wenigen Beispiele, wo überraschend an das gelernte Tirol-Bild angedockt und klug vernetzt wird, unterstreichen den Kern eines erneuerten Markencodes": „In Tirol forschen und wirtschaften heißt in einer Postkarte leben!" So beschrieb kürzlich ein junger katalanischer Quantenoptiker sein aktuelles Lebensgefühl. Dieses teilt er mit den Einheimischen sowie den Tausenden Studenten, Hochschullehrern, Unternehmern, Managern und Dienstnehmern, die sich in Tirol beheimaten. Tirol konnte also über den Hebel seiner einmaligen touristischen Infrastruktur auch den Lebens-, Wirtschafts-, Kultur- und Forschungsraum aufwerten. Auf der Basis dieses attraktiven Humus für Geist, Körper und Seele gilt es nun, an einer „enkelgerechten" Architektur unseres Landes weiterzubauen.

Dass zum Wohle unserer Enkel — frei nach Albert Einstein — eine neue Art des Denkens „not-wendig" — im eigentlichen Wortsinne — ist, steht fest: Wir haben leichtsinnig vorgefressen, nun müssen wir unseren gesellschaftspolitischen Menüplan intelligent umstellen, um nicht bitter nachhungern zu müssen.

Zivilgesellschaft muss das Zusammenleben neu erfinden

Negative Ökobilanz, Perversion des Sozial- und Wohlfahrtsstaates durch Überdehnung, Erosion der Volkswirtschaft durch Überregulierung, Risikoscheu und Sicherheitsmanie, höhere Schutzgelder sprich Steuern an den gefräßigen Staat bei schwächeren Gegenleistungen, Brot und Spiele statt Sparen, Reform als Synonym für Stillstand, geistige Pragmatisierung im Verfassungsrang, Staatsversagen und alternative Subsysteme etc. Kurzum, von oben (siehe das Interview von Franz Fischler über die EU in der Tiroler Tageszeitung) ist wenig zu erwarten, es muss vielmehr die Zivilgesellschaft, d. h. jede Tirolerin und jeder Tiroler von unten das Wirtschaften und das demokratische Zusammenleben radikal neu erfinden. Wie geht das? Wie kann sich richtiges regionales Leben in einem falschen globalen behaupten?

Wir wissen es nicht! Jenseits apokalyptischer Entrüstung können wir jedoch unternehmerisch ins Ungewisse aufbrechen und unsere Möglichkeitssinne mobilisieren: Ein neues Zusammenspiel von Umwelt und Technik durch Umrüstung auf biomimetische und homöotechnische Standards, neue Chancen einer zellulären Landwirtschaft durch molekularbiologische Forschung, neue dezentrale Produktions- und Logistiksysteme, neue Mobilitätslösungen angesichts des Jahrhundertvorhabens Brennerbasistunnel — die Liste von Zukunftsprojekten unter dem irritierenden Motto 4.0 lässt sich beliebig fortsetzen!

Die Ermutigung der Landesregierung, synergetisch mit konkreten Projekten die Expedition in den „Zukunftsraum Tirol 4.0" zu wagen, macht Sinn. Auch die Bestellung eines Humanisten mit Bodenhaftung zum Koordinator dieser Initiative gibt Hoffnung. Karlheinz Töchterle hat als Rektor Brücken gebaut (siehe Campus Tirol, Mechatronik) und als Wissenschaftsminister über die Berge geschaut. Mit ihm wird das im öffentlichen Bewusstsein wenig präsente Dornröschen „ Wissenschaft und Forschung" wachgeküsst. LH Platter hat unternehmerische Menschen aus der Zivilgesellschaft für die Mitarbeit am Projekt „Lebensraum Tirol 4.0" gewonnen. Diese Persönlichkeiten werden mit Zeitplänen, Evaluierungen und kritischer Begleitung einen effektiven Fortgang des Prozesses steuern.

Zum Schluss die Vision des „Tiroler Bruttosozialglücks": Kein Kind in unserem Land sollte unglücklich und kein Mensch arm sein, denn Armut verkompliziert alles!

Zur Person

Andreas Braun ist ein Quer- und Vordenker, Visionär und unbequemer Kritiker. Als Geschäftsführer der Tirol Werbung philosophierte der mittlerweile 70-Jährige über das Tiroler Gulasch, gemeinsam mit André Heller schuf er die Swarovski Kristallwelten. Jetzt soll er eine der tragenden Säulen des Projekts Lebensraum Tirol 4.0 sein. andreas.braun@destination-wattens.at