Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 27.04.2017


Klinik Innsbruck

Schnupfen soll den echten Notfall nicht blockieren

Im Erstaufnahmezentrum an der Klinik werden Patienten eingestuft. Das soll helfen, die Notfallambulanz zu entlasten und Kosten zu sparen.

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Von Anita Heubacher

Innsbruck – Patienten in Österreich sind verwöhnt. Für den Besuch im Krankenhaus braucht es keine Überweisung von einem niedergelassenen Arzt. Das nutzen viele, um vor allem an Randzeiten, am Wochenende oder abends ins Spital zu gehen. 50.000 pro Jahr sind es allein an den Ambulanzen der Universitätsklinik Innsbruck, 22.000 davon wenden sich mit ihrem Leiden an die Notfallambulanz. Wobei 60 Prozent der Patienten keine dringlichen Fälle sind. Die Zahl der Besuche an der Notfallambulanz ist innerhalb von fünf Jahren um vierzig Prozent gestiegen. Das ist nicht nur teuer für alle Steuerzahler, es belastet auch die hochqualifizierten Ärzte an der Klinik und blockiert sie für echte Notfälle.

Das soll sich ändern. Das Rezept dafür besteht aus Allgemeinmedizinern und diplomiertem Pflegepersonal, die zusammen an der Klinik, Eingang Anichstraße, im Erstaufnahmezentrum arbeiten. Alle Patienten werden angeschaut und ihre Leiden medizinisch einstuft. Die weniger dringlichen Fälle, und das seien die meisten, würden gleich vor Ort behandelt, erklärt der Leiter der Inneren Medizin, Herbert Tilg. „Von den dringlichen Fällen wird einer von fünf Patienten stationär aufgenommen.“ Das Verteilen der Patienten soll helfen, die Wartezeiten an der Notfallambulanz zu reduzieren und jedem die richtige Behandlung zukommen zu lassen. Wegschicken dürfen die Ärzte niemanden, auch wenn ganz klar sein müsste, dass man mit einem Schnupfen oder Durchfall nicht die Notfallambulanz einer Universitätsklinik aufsuchen sollte. „Es bleibt zu wenig Zeit für die Schwerkranken“, erklärt Intensiv- und Notfallmediziner Michael Joannidis.

Beide Professoren hoffen, „dass mit dem Erstaufnahmezentrum nun ein guter Lösungsansatz gefunden worden ist“. 350.000 Euro bezahlen Land und Sozialversicherung für das Pilotprojekt. Die neue Anlaufstelle ist von Montag bis Freitag von 9 bis 21 Uhr geöffnet. An Wochenenden würde der niedergelassene Bereich einspringen, meint der Direktor der Tiroler Gebietskrankenkasse, Arno Melitopulos. 122 Kassenstellen in Innsbruck und Innsbruck-Land gebe es, samt Bereitschaftsdiensten am Wochenende. Als Konkurrenz zum niedergelassenen Bereich sieht Melitopulos das Erstaufnahmezentrum an der Klinik nicht.

Gesundheitslandesrat Bernhard Tilg (ÖVP) will das Pilotprojekt nach zwei Jahren evaluieren und es dann auch an kleineren Spitälern quer durch ganz Tirol installieren. Das Land entspricht damit den Wünschen der Bundeszielsteuerungskommission. Primärversorgung ist das Stichwort und das ließ vor allem in Wien Ärzte auf die Straße gehen. Jetzt ist das Gesetz in Begutachtung. Ziel österreichweit und damit auch in Tirol ist es, Kosten zu senken. Im Landesbudget findet sich der Posten „Gesundheit“ unter den Top 3 auf der Ausgabenseite. 713 Millionen Euro fließen allein seitens des Landes in das Gesundheitssystem.

Bei den Krankenkassen schlägt sich das geänderte Patientenverhalten ebenso seit Langem nieder. Während früher nicht das Spital, sondern der Hausarzt aufgesucht wurde, kontaktieren Patienten heute mehrere Ärzte und im Zweifelsfall die Notfallambulanz. Von den 60 Prozent, die keine Notfälle sind, waren 63 Prozent schon bei einem Arzt bevor sie die Ambulanz betraten, 23 Prozent davon sogar am selben Tag.