Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 24.07.2017


Exklusiv

Schieflage in der Landwirtschaft: Tirols Bergbauern als Verlierer

Von den steigenden Einkommen in der Landwirtschaft können die Betriebe in den Bergregionen noch nicht richtig profitieren. Die Schere geht auseinander, Bauernkammerchef Hechenberger fordert Umdenken in der Agrarpolitik.

© iStockphoto/KemterDer Aufwand in den Bergregionen ist deutlich größer, der bäuerliche Ertrag jedoch geringer. Manche Steilflächen können nur händisch gemäht werden.



Von Peter Nindler

Innsbruck – In der österreichischen Landwirtschaft gibt es zwei Sichtweisen. Beide sind allerdings richtig. „Ein optimistischerer Blick in die Zukunft kehrt bei vielen Bäuerinnen und Bauern langsam wieder zurück“, betonte Landwirtschaftsminister Andrä Rupprechter (VP) unlängst. Der Grund für seinen Optimismus: Im Vorjahr waren die bäuerlichen Einkommen erstmals seit Jahren wieder gestiegen, im Durchschnitt um 14 Prozent. Laut Rupprechter greifen die kurz- und mittelfristig gesetzten Maßnahmen der heimischen Agrarpolitik. „Zudem wurde in vielen Sektoren die Talsohle bei den Preisen durchschritten.“ Das stimmt auch, schließlich wurde der Auszahlungspreis für Milch im Juli etwa von der Berglandmilch (Tirol Milch) auf 35,69 Cent erhöht.

Doch das ist nur eine Seite der Medaille. Vor allem die Marktfruchtbetriebe in den Gunstlagen in Ostösterreich, die Obst, Gemüse oder Getreide anbauen, konnten von dem Einkommensaufschwung massiv profitieren; überdurchschnittlich um 34 Prozent. Die Grünland- und Bergbauern im Westen müssen sich hingegen bescheiden. Selbst die Bauernzeitung berichtet davon, dass es 2016 nur einen leichten Zuwachs von fünf Prozent für sie gegeben habe und sich „damit der Abstand zu Betrieben in günstigeren Lagen nochmals vergrößert hat“. Zum Vergleich: Im Vorjahr betrug das durchschnittliche Einkommen der niederösterreichischen Bauern 18.492 Euro, jenes der Tiroler Landwirte 9005 Euro. Das schwierige Marktumfeld mit der Krise in der Milchwirtschaft hat den Bauern in den alpinen Regionen massiv zugesetzt.

Das schlug sich im vergangenen Jahr auch auf den landwirtschaftlichen Produktionswert nieder: Betrug dieser 2015 noch knapp 379 Millionen Euro, so verringerte er sich 2016 laut Statistik Austria auf 362 Millionen Euro. Ein bedeutender Faktor sind dabei bereits die nicht landwirtschaftlichen Nebentätigkeiten mit rund 60 Millionen Euro. Für heuer hoffen die heimischen Agrarpolitiker jedoch auf eine Trendumkehr.

Für Agrarreferent und Bauernbundobmann LHStv. Josef Geisler (VP) besteht bei den bäuerlichen Einkommen deshalb kein Grund zum Jubeln, sondern es sei „noch viel Luft nach oben“. Innovation und ein breiter Mix seien gleichzeitig die Voraussetzung dafür, „dass die Landwirtschaft in einer Bergregion wie Tirol weiterhin flächendeckend existieren kann“. Rund 80 Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe werden bereits im Nebenerwerb geführt. Geisler setzt auch auf regionale Vermarktungsketten, „die den Bauern Wertschöpfung garantieren und sie beim Verkauf ihrer Produkte unterstützen“.

Landwirtschaftskammerpräsident Josef Hechenberger sieht darüber hinaus jedenfalls die Agrarpolitik in der Europäischen Union und in Österreich gefordert. „Die Schieflage zwischen den Gunstlagen im Osten und den Bergregionen wird immer größer.“ In den Bergbauernzonen sei der Aufwand außerdem höher, der Ertrag deshalb geringer. „Hier benötigt es auch einen nationalen Ausgleich.“ Bereits in der Vorwoche hat Hechenberger dieses Thema in der Präsidentenkonferenz der österreichischen Landwirtschaftskammern angesprochen. Was ihn vor allem nachdenklich stimmt: „In einigen Betriebskategorien in Tirol gab es sogar Einbußen beim Einkommen.“

Heruntergebrochen auf die einzelnen Betriebe, wird das gesamte Dilemma der Tiroler Landwirtschaft sichtbar. Der Ertrag pendelte sich 2015 bei 62.551 Euro ein, der Aufwand bei rund 51.000 Euro. Damit fressen die Ausgaben die Einnahmen förmlich auf. Ohne die öffentlichen Förderungen von durchschnittlich 13.400 Euro wären viele bäuerliche Betriebe nicht mehr lebensfähig.

Die Tiroler Landwirtschaft in Zahlen

12.182 Betriebe. Die Zahl der wirtschaftenden Betriebe wird in Tirol mit 12.182 beziffert. 9497 Bauernhöfe fallen unter die Kategorie „Bergbauern". Die landwirtschaftlich genutzte Fläche beträgt 237.377 Hektar.

Milchbauern: 4532 Betriebe lieferten 299.000 Tonnen Milch an die Milchverarbeitungsbetriebe. Vor vier Jahren gab es in Tirol noch knapp 5000 Milchbauern. 2980 Tiroler Lieferanten sind Mitglieder der zur oberösterreichischen Berglandmilch gehörenden Tirol Milch.

Milchpreis: Der Erzeugerpreis für konventionelle Kuhmilch in Österreich ist im Vorjahr gegenüber 2015 um 7,5 % gesunken und erreichte im Jahresdurchschnitt einen Wert von 31,24 Cent pro Kilogramm netto. Seit 1. Juli erhalten die Tirol-Milch-Bauern für einen Liter Milch 35,69 Cent netto.

Rinderhalter: Die Zahl der rinderhaltenden Betriebe ist 2016 um 0,5 % auf 8494 gesunken, der Rinderbestand hingegen um 1864 auf gesamt 183.457 Tiere angestiegen. Die Betriebe werden damit zwar geringfügig größer, sind aber im nationalen wie auch im internationalen Vergleich sehr klein. Die durchschnittliche Anzahl der Kühe liegt in Tirol bei 10,2 Tieren pro Betrieb, österreichweit sind es 14,6 und in Deutschland 73,8.

Produktionswert: Die Produktionsleistung der Tiroler Landwirtschaft war im Jahr 2015 mit 379 Mio. Euro annähernd gleich hoch wie 2014. Im Vorjahr verringerte sich dieser Wert laut Statistik Austria auf 362 Millionen Euro.