Letztes Update am Do, 12.10.2017 10:19

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Olympia-Volksbefragung

Der große Faktencheck: Dritter Anlauf für Olympia in Tirol

Welche Fragen werden vor der Olympia-Volksbefragung am Sonntag häufig gestellt? Mit einem Faktencheck sollen einige zentrale Themen zu einer Bewerbung für Olympische Winterspiele 2026 beleuchtet werden.

© gepaAm Sonntag stehen in Tirol bei der Volksbefragung auch die fünf Ringe im Mittelpunkt.



Von Peter Nindler

Innsbruck – Zum dritten Mal seit 1993 stimmen die Tiroler bzw. Innsbrucker am Sonntag über eine Bewerbung für dritte Olympische Winterspiele ab. In der Landeshauptstadt Innsbruck hat die Bevölkerung zwei Mal dagegen gestimmt. Dieses Mal positioniert sich vor allem Tirol als Veranstalter, nur ein Drittel der Wettkämpfe würden in der Landeshauptstadt stattfinden.

1. Warum setzen Land und Stadt Innsbruck erneut auf Olympische Winterspiele? Tirol hat sich mit sportlichen Großveranstaltungen wie Welt- und Europameisterschaften einen Namen gemacht. Als zweifacher Austragungsort von Winterspielen 1964 und 1976 sowie der ersten Winterjugendspielen 2012 wird Innsbruck nach wie vor mit der Marke Olympia verknüpft. Das touristische Argument ist ein zentrales. Kritiker sprechen hingegen von einer „more of the same“-Strategie (mehr vom Gleichen) und davon, dass Olympische Spiele heute eine Nummer zu groß sind für ein Land wie Tirol.

2. Kann es heute überhaupt noch kleine und überschaubare Olympische Spiele geben? Die Zahl der Athleten ist mit 2900 vorgegeben bzw. begrenzt. Sie werden von 2000 Betreuern und Funktionären begleitet. Rund 100 Bewerbe in 15 Disziplinen stehen auf dem Programm. Dass immer wieder auf reduzierte Spiele verwiesen wird, hängt damit zusammen, dass Tirol keine neuen Sportstätten bauen möchte und deshalb auch für die Eisbewerbe die vorgegebene Anzahl von Zuschauerplätzen (12.000) unterschreitet. Die Entscheidung darüber, ob das akzeptiert wird oder Innsbruck/Tirol mit seinen Voraussetzungen überhaupt Chancen hat, treffen letztlich die Mitglieder des Internationalen Olympischen Komitees (IOC).

3. Haben nicht Korruption, Gigantomanie, massive Kostenüberschreitungen, Doping und bleibende Sportruinen die Marke Olympia zerstört? Ja. Dass das IOC wieder zurück zu den Wurzeln und mit Reformen die Marke Olympia wieder aufpolieren will, muss es erst unter Beweis stellen. Die Vergabe der Winterspiele 2026 wird ein Offenbarungseid sein. Hier steht die viel diskutierte Reformagenda des IOC auf dem Prüfstand. Viele klassische Wintersportregionen haben Bewerbungen zurückgezogen, weil sie im Wettrennen um immer „größere Spiele“ nicht mehr mitmachen wollten und sich die Bevölkerung ebenfalls dagegen ausgesprochen hat.

4. Ist das in der Machbarkeitsstudie angeführte Veranstaltungsbudget von 1,175 Milliarden Euro realistisch? Das ist letztlich eine Frage des Vertrauens in die Politik von Land Tirol und Stadt Innsbruck. In der Machbarkeitsstudie haben Experten die Durchführungskosten mit 1,175 Mrd. Euro veranschlagt und darauf verwiesen, dass sie durch Einnahmen, u. a. 525 Mio. Euro vom IOC, aufkommensneutral sind und kein Steuergeld dafür aufgewendet wird. Weitere Erlöse sind u. a. durch Sponsoren (180 Mio. Euro), Eintrittskarten (235 Mio. Euro) oder sonstige Einnahmen (145 Mio. Euro) eingeplant Bei Großveranstaltungen sind Kostenüberschreitungen stets ein Thema, meistens werden sie durch Investitionen in Sportstätten verursacht. Das Tiroler Olympiakonzept hat notwendige Adaptierungen für Sportstätten mit 130 Mio. Euro im Ausgabenbudget integriert.

5. Wie wird die allgemeine Infrastruktur wie ein beabsichtigter zweigleisiger Bahnausbau im Oberland finanziert? Wie schon bei vergangenen Weltmeisterschaften etwa in St. Anton 2001 oder der bevorstehenden nordischen WM in Seefeld 2019 ist die Finanzierung der allgemeinen Infrastruktur Aufgabe der öffentlichen Hand. Dabei kommt es auf das Verhandlungsgeschick an, wie viel beispielsweise der Bund mitträgt. Großveranstaltungen werden von der Politik jedoch gerne als Hebel benutzt, um Projekte vorzuziehen und größere Mitfinanzierungen zu erzielen. Das gilt auch für die Errichtung von 400 Wohnungen (sozialer Wohnbau) für das olympische Dorf beim Innsbrucker Frachtenbahnhof.

6. In Zeiten von Terror spielen Sicherheitskosten eine zentrale Rolle. Wer kommt dafür auf? Für die Sportveranstaltungen sind sie mit 40 Mio. Euro Teil des Olympiabudgets. Für die allgemeine Sicherheit muss der Bund die Kosten tragen. In Vancouver 2010 wurden sie mit 565 Mio. Euro beziffert, bei der Fußball-Europameisterschaft in Österreich 2008 44 Mio. Euro dafür ausgegeben. Eine konkrete Schätzung liegt nicht vor, allerdings wird damit argumentiert, dass durch Steuermehreinnahmen durch Olympia von bis zu 400 Mio. Euro die Sicherheitskosten ebenfalls gedeckt seien. Man beruft sich dabei auf eine Schweizer Studie.

7. Wie hoch sind die Bewerbungskosten? Wie viel Geld wurde bisher ausgegeben? Die Kosten sollen weniger als 15 Mio. Euro betragen. Die Machbarkeitsstudie hat 300.000 Euro gekostet und wurde aus dem Topf der Winterjugendspiele 2012 finanziert. 400.000 Euro werden für die Olympia-Information im Vorfeld der Volksbefragung ausgegeben, für die rund 600.000 Euro aufgewendet werden müssen. Doch alle Parteien im Landtag haben sich für den Weg der direkten Demokratie vor einer Olympia-Kandidatur ausgesprochen.

8. Welche Belastungen könnten während der Winterspiele auf die Bevölkerung zukommen? Man setzt auf grüne Spiele und forciert den öffentlichen Verkehr, doch natürlich gibt es bei allen Großveranstaltungen Verkehrsbehinderungen und -belastungen. Beispiele aus der Vergangenheit wie bei der Ski-WM in St. Anton oder bei der Fußball-Euro 2008 haben aber gezeigt, dass sie durch eine gute Logistik minimiert werden können.

9. Wird durch Olympische Winterspiele nicht alles teurer? Auch das haben Großveranstaltungen gemeinsam, dass während der Wettkampfwochen Essen und Trinken sowie Quartiere teurer sind. Doch Wirtschafts- und Arbeiterkammer wollen mit Handel, Tourismus, Gastronomie und Hotellerie ein freiwilliges „Teuerungsverbot“ vereinbaren.

10. Beeinflusst die Fragestellung für die Volksbefragung? Hier stehen Gutachten gegen Gutachten. Verfassungsjurist Heinz Mayer hält die Fragestellung zur Olympia-Volksbefragung „Soll das Land Tirol ein selbstbewusstes Angebot für nachhaltige, regional angepasste sowie wirtschaftlich und ökologisch vertretbare Olympische und Paralympische Winterspiele Innsbruck-Tirol 2026 legen?“ für manipulativ, rechts-und verfassungswidrig, weil sie vor positiven Wertungen nur so strotze. Die Landesregierung hält ihrerseits mit einem Gutachten dagegen. Die Fragestellung sei laut Bernhard Raschauer und Jörg Zehetner auf die Legung eines qualifizierten und konkretisierten Angebots ausgerichtet und deshalb weder manipulativ noch suggestiv.

11. Kann die Befragung angefochten werden? Zuletzt gab es auch Bedenken wegen der Wahlkarten. Wahlen und Befragungen sind das höchste Gut in einer Demokratie. Eine mögliche Anfechtung kann man laut dem Leiter des Verfassungsdienstes im Land Christian Ranacher bei keiner demokratischen Entscheidung ausschließen.

12. Welche wirtschaftlichen Impulse werden erwartet? Den Netto-Impuls durch die touristischen Ausgaben in Zusammenhang mit Olympia schätzt die Tiroler Wirtschaftskammer auf 250 bis rund 410 Millionen Euro, die vorwiegend in der Beherbergung/Gastronomie, Handel und Kultur/Freizeit wirksam werden. Der Beschäftigungseffekt wird auf 10.000 neue Arbeitsplätze geschätzt. 2,1 Milliarden Menschen haben zuletzt die Olympischen Spiele weltweit verfolgt.

13. Wer sind mögliche Konkurrenten, sollte Innsbruck/Tirol kandidieren? Die Entscheidung fällt beim IOC-Kongress in Mailand 2019. Sion (Schweiz), Calgary (Kanada) oder Sapporo (Japan) könnten sich 2026 ebenfalls bewerben.

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