Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 15.10.2017


Landespolitik

Forschung der Tiwag ist umstritten

Nicht nur die EU hat ein scharfes Auge auf die Deutsche Tamariske geworfen. Auch die Tiwag. Deshalb ist ein Streit mit dem Umweltanwalt entbrannt.

Der Landesenergieversorger will u. a. an der Isel Tamarisken entnehmen und gentechnische Analysen vornehmen.

© RainerDer Landesenergieversorger will u. a. an der Isel Tamarisken entnehmen und gentechnische Analysen vornehmen.



Innsbruck, Lienz – Sie dürfte mittlerweile die bekannteste Pflanze Tirols sein: die Deutsche Tamariske. Sie ist ein eher unscheinbares Ufergewächs, aber höchst schützenswert – und dafür verantwortlich, dass die Europäische Union unzufrieden ist mit der Ausweisung von Natura-2000-Schutzgebieten an den Osttiroler Gletscherflüssen. Brüssel ortet massive Lücken.

Die Tamariske spielt aber derzeit auch in einem Streit zwischen dem Landesenergieversorger Tiwag und dem Landes­unweltanwalt eine zentrale Rolle. Denn die Tiwag will just in Osttirol Pflanzenteile der Ufer-Tama­riske im Bereich der Ein­- zugsgebiete des Tauernbaches, der Schwarzach und der Isel entnehmen. Die Pflanzenteile seien gemäß Antrag für genetische Analysen unbedingt notwendig, argumentiert die Tiwag.

Am Tauernbach plant die Tiwag ein Kraftwerk, an der Schwarzach eine zweite Turbine für das bestehende. Im Verfahren gibt es keine konkreten Behördenaufträge für Untersuchungen, dennoch hat die Bezirkshauptmannschaft den Antrag genehmigt.

Für Landesumweltanwalt Johannes Kostenzer ist das nicht nachvollziehbar. Zum einen gebe es bereits zahlreiche Analysen zur Verbreitung der Tamariske an den Osttiroler Gletscherflüssen. Gleichzeitig sei der Antrag zur Entnahme von Pflanzenteilen der gänzlich geschützten Ufer-Tamariske unbestimmt und es würden begrenzende sowie beschränkende Angaben fehlen. Jetzt muss das Landesverwaltungsgericht darüber befinden.

Warum will die Tiwag also über die Tamariske forschen? Vorstandsdirektor Johann Herdina argumentiert mit einer Wissenserweiterung. „Auch wenn es im Verfahren keine Anfragen gibt, wollen wir auf alle Eventualitäten vorbereitet sein.“ Einen Zusammenhang mit dem Nachnominierungsforderungen der EU über zusätzliche Natura-2000-Schutzgebiete schließt Herdina aus. Tirol sparte bekanntlich den Tauernbach aus, die EU hingegen drängt auf eine Nominierung.

Jedenfalls bleibt es in Osttirol spannend. Und nicht nur dort. Bisher hat Tirol 16 Natura-2000-Schutzgebiete ausgewiesen, 2015 mit der Isel, Teilen des Kalserbachs und der Schwarzach sowie Sinesbrunn (Tarrenz) bzw. Tiefer Wald (Nauders) weitere drei. Doch bei den Biotopen und Pflanzenarten sieht die EU nach wie vor große Lücken. Und die erstrecken sich über das gesamte Land: vom Außerfern bis nach Osttirol. Rund 70 Lebensraumtypen und -arten sind aus der Sicht der Generaldirektion Umwelt in der EU in die Schutzgebietskulisse zu integrieren. Betroffen davon sind auch touristische Regionen.

Betroffen sind allerdings auch andere Bundesländer, vor allem Salzburg, Oberösterreich, die Steiermark und Kärnten. Vorarlberg scheint ebenfalls auf der Mängelliste auf wie Niederösterreich und das Burgenland. Statt der vor zwei Jahren nachnominierten 80 Gebiete führt die EU mindestens 700 Vorschläge an, die die Bundesländer insgesamt umsetzen sollten. (pn)