Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 06.12.2017


Tirol

Missbrauch im Sport: Eine Aktennotiz wirbelt Staub auf

Gegen den am Montag suspendierten Pädagogen und Lehrer hat es bereits aktenkundige Vorwürfe gegeben. Allerdings verstaubten diese in der Sportabteilung. Land setzt jetzt unabhängige Expertenkommission ein.

© gepaDie Missbrauchsvorwürfe im Skisport wirbeln derzeit abseits der Piste viel Staub auf. Vieles liegt aber noch im Dunkeln.



Von Peter Nindler

Innsbruck – Mosaikstein um Mosaikstein wird derzeit zusammengetragen. Und wie bei den Missbrauchsvorwürfen gegenüber dem ehemaligen Heimleiter der Skihauptschule Neustift in den 1970er-Jahren geht es bei dem am Montag suspendierten hohen Beamten in der Tiroler Schulverwaltung um die Frage, wer denn etwas davon gewusst habe. Es passt ins Bild, dass die einzig vorliegende Aktennotiz über den langjährigen Pädagogen und Trainer an der Skihauptschule über anzügliche Gespräche mit Schülerinnen und unsittliche Berührungen in den 1990er-Jahren in der Sportabteilung des Landes gefunden wurde.

Der damalige Leiter Friedl Ludescher kann sich auf Anfrage der Tiroler Tageszeitung aber nicht daran erinnern. „Ich habe intensiv darüber nachgedacht. Natürlich kann ich nichts ausschließen, aber präsent habe ich aktuell nichts.“ Ludescher war außerdem lange Jahre Vertreter des Landes im Neustifter Trägerverein.

Jedenfalls wurde der Fall weiterverfolgt, das Land hatte sich an ein Kinderschutzzentrum gewandt. Doch was die Untersuchungen ergeben haben, darüber liegen keine schriftlichen Aufzeichnungen vor. Jedenfalls wird der dienstfrei gestellte Pädagoge von mehreren betroffenen Personen belastet, wie Bildungslandesrätin und Schulratspräsidentin Beate Palfrader (VP) erklärt.

Möglicherweise sind die seinerzeitigen Vorhaltungen in einem Sportgeflecht versickert. Kollegen des ehemaligen Trainers erklären nämlich, sie hätten nichts davon mitbekommen. Und dazu zählen hochrangige Persönlichkeiten im Tiroler Sportwesen. Wie der Nachfolger Ludeschers und heutige Leiter der Sportabteilung des Landes Reinhard Eberl. Er gehörte dem damaligen Trainerteam an, später war Eberl Präsident des Tiroler Skiverbandes

Alle bisher eingelangten vier Meldungen an die Opferschutzstelle des Landes über Vorfälle in der Skimittelschule Neustift und am Schigymnasium Stams wurden zwischenzeitlich an die Staatsanwaltschaft Innsbruck weitergeleitet. In Sitzungen haben sich gestern das Land Tirol, der „Verein Schülerheim Ski-Mittelschule Neustift“ und der Tiroler Skiverband eingehend mit der Skihauptschule in Neustift befasst. Vor allem für die Vergangenheit fehlen Aufzeichnungen. „Wir werden jedoch alles genau aufarbeiten, das ist unsere Verantwortung“, lässt Beate Palfrader keine Zweifel offen. Einen Vorsatz, den auch der Tiroler Skiverband hat. Schließlich stehen seine Funktionäre aus den 1970er-Jahren im Verdacht, die Missbrauchsvorwürfe gegenüber dem Heimleiter vertuscht zu haben. Doch wie Präsident Werner Margreiter betont, sieht man hinter den Missbrauchsvorwürfen kein System.

Die Landesregierung beschloss noch am Dienstag auf Vorschlag Palfraders die Einsetzung einer externen und unabhängigen Expertenkommission mit Vertretern aus der Justiz, der Sportuniversität und den Pädagogischen Hochschulen. Die Vorsteherin des Bezirksgerichtes Kufstein Andrea Wibmer-Stern wird das Gremium leiten. Sie hat langjährige Erfahrung als Familien- und Strafrichterin.

Für die Landesregierung ist es ein Gebot der Stunde, Verantwortung zu übernehmen und die Betroffenen bei der Aufarbeitung ihrer persönlichen Geschichte zu unterstützen, wie es heißt. „So etwas darf nicht mehr passieren – es gibt in diesem Bereich absolut keinen Raum für Toleranz. Die Aufarbeitung soll Grundlage für Prävention und Aufklärung für die Gegenwart und Zukunft sein“, betonen Sportreferent LHStv. Josef Geisler (VP) und die für Gewaltprävention zuständige LR Christine Baur (Grüne).

Und Palfrader macht klar, dass notfalls Konsequenzen gezogen werden müssten. „Wie bereits am Montag.“




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