Letztes Update am Di, 20.03.2018 06:15

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Innsbruck-Wahl

Bürgerinitiativen-Spitzenkandidat Schwan: „Wir meinen es ernst“

Die Liste „Bürgerinitiativen Innsbruck“ tritt bei der Innsbrucker Gemeinderatswahl zum ersten Mal an. Spitzenkandidat Berthold Schwan über Mauern, Transparenz und Ziele.

"Bürgerinitiativen"-Spitzenkandidat Berthold Schwan.

© Thomas Boehm / TT"Bürgerinitiativen"-Spitzenkandidat Berthold Schwan.



Herr Schwan, fühlen Sie sich bereits als Politiker?

Berthold Schwan: Abgesehen von der Bürgerinitiative Igls war ich bisher nicht so präsent. Auf einmal sieht man sich dann in der Zeitung und wird da und dort angesprochen. Das ändert ein bisschen was. Da sagen dir dann die Leute: Zieh dir ein schönes Hemd an. Das ist jetzt mein Kopf, den ich hinhalten muss.

Bürgerinitiativen, die als Liste bei einer Gemeinderatswahl antreten, um Politiker zu werden? Was hat das noch mit einer Bürgerinitiative zu tun?

Schwan: Es geht uns im Grunde genommen um die Vertretung der Interessen der ganz normalen Leute. Als Bürgerinitiativen haben wir in den letzten Jahren teilweise Erfolg gehabt, größtenteils leider nicht. Darum ist der Entschluss entstanden. Damit wir diese Anliegen direkt über Anträge einbringen und Informationen holen können. In der Arbeit selbst sehe ich keinen großen Unterschied.

Das Wesen repräsentativer Demokratie ist, dass gewählte Politiker die Bürge­r – ihre Wähler – vertreten sollen. Wo bleibt da ein Allein­stellungsmerkmal?

Schwan: Bei klassischen Parteien – nehmen wir die ÖVP – stecken der Wirtschafts-, der Angestellten- und Arbeiter- und Bauernbund dahinter. Da gibt es ganz massive wirtschaftliche Interessen, wo Franz Gruber [Anm.: ÖVP-Stadtrat] und seine Kumpane nicht so viel Spielraum haben. Auch wenn sie eine Volkspartei darstellen möchten. Der „normalsterbliche Innsbrucker“ wird nicht wirklich vertreten.

Wofür stehen die Bürger­initiativen Innsbruck?

Schwan: Der Grund für die Gründung war, weil ich mit der BI Igls gemerkt habe: Ich stehe an. Ich werde von Vertretern des Gemeinderates eingeladen, die hören einmal kurz zu und dann wird eine Wand aufgezogen. Und dann steht man draußen und hört nichts mehr. Wenn der Politik etwas nicht ins Konzept passt, passiert nichts: ob das die Linie 6, der Olympiapark oder die Patscherkofelbahn ist. Da heißt es dann: „Wenn’s was wollts, tretets selber an!“ Wir wollen Transparenz. Und nicht diese Art von Bürgerbeteiligung, wo die Leute nur hingehalten und verarscht werden – wie beim Eichhof.

Sie wettern gegen die bauliche Verdichtung und den ungebremsten Zuzug in die Stadt. Aber: Wie wollen Sie das stoppen?

Schwan: Bis zum Jahr 2010 wuchs Innsbruck im Schnitt um 700 Leute pro Jahr. Da hat sich auch keiner aufgeregt. Ab 2012 hat sich die Zahl verdreifacht. Im Öroko stehen bis zu 9000 Wohnungen für die nächsten zehn Jahre drin. Das sind rund 25.000 Leute, die hier eingeplant sind. Solange die ansässige Innsbrucker Bevölkerung stagniert, brauchen wir nicht so viel zu bauen. Ich verstehe nicht, wieso wir 9000 Wohnungen für Leute schaffen sollen, die durch Zuzug zu uns kommen. Ich glaube, dass das eine Bedarfslüge ist – der Bedarf ist nicht so hoch. Das hat nichts mit In- oder Ausländer zu tun. Masse zieht Masse an.

Sie fordern Transparenz bei allen Projekten. Wie soll das funktionieren?

Schwan: In Heidelberg gibt es eine ,Vorhabensliste‘. Im Grunde macht jedes größere Unternehmen eine Projektliste und informiert die Mitarbeiter, was in einem Jahr ansteht. Das muss aber auch die Verwaltung tragen, in Kombination mit verbindlicher Bürgerbeteiligung.

Ihre Liste stellt keinen Bürgermeisterkandidaten auf. Wieso?

Schwan: Diese Popularität haben wir nicht. Da sind wir realistisch. Da sind schon genug Kandidaten da.

Was sind Ihre Wahlziele?

Schwan: Wichtig ist, dass wir eine Person im Gemeinderat haben – das sehe ich aber nicht mit mir gekoppelt.

Wieso so bescheiden? Sie selbst geben an, dass hinter Ihren Bürgerinitiativen gut 10.000 Menschen stehen. Das würde für die Top 3 im Gemeinderat reichen …

Schwan: Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Das Potenzial ist aber da – wenn die Leute verstehen, dass wir nicht nur schreien und gegen alles sind, sondern dass dahinter auch viel Arbeit steht. Wir meinen es ernst.

Das Interview führte Manfred Mitterwachauer

Die Chat-Nachlese - Bürgerinitiative stellte sich Leserfragen: http://liveblog.tt.com/live/chat-schwan

Persönlich - Berthold Schwan

Er gilt zusammen mit Anita Stangl als Gründungsvater des Dachverbandes der Innsbrucker Bürgerinitiativen, aus denen nun die kandidierende Bewegung „Bürgerinitiativen Innsbruck“ entstanden ist: Berthold Schwan. Der gebürtige Innsbrucker, der in Igls lebt, studierte BWL mit Schwerpunkt Marketing und Unternehmensführung an der Uni Innsbruck und ließ sich von 2014 bis 2015 als landwirtschaftlicher Facharbeiter ausbilden. Der heute 48-jährige zweifache Vater werkte u. a. bei einem Lebensmittelunternehmen und ist seit 2015 Organisator des Projektes „Tiroler Gemeinschaftsgarten“. Im selben Jahr gründete Schwan die „Bürgerinitiativen Innsbruck“. Ausgangspunkt seines Protestes gegen die Stadtregierung waren die Pläne zum Neubau der Patscherkofelbahn in Igls. (mami)