Letztes Update am So, 08.04.2018 10:06

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Exklusiv

An Tirols Schulen sind Kopftuch wie Kappe tabu

Die Regierung will das Kopftuch in Kindergärten und Schulen verbieten. In vielen Tiroler Schulen sind Kopfbedeckungen aller Art nicht erwünscht. Wichtiger sind den Direktoren Themen wie Deutschkenntnisse und die Teilnahme am Schwimmunterricht.

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© Getty Images



Von Brigitte Warenski

Innsbruck, Wörgl, Telfs, Reutte – An der Innsbrucker Volksschule Neuarzl gilt das ungeschriebene Gesetz bereits seit zehn Jahren: „Bei uns sind im Unterricht Kopftuch wie Schildkappe oder Stirntuch unerwünscht. Im Turnunterricht kommt noch die Verletzungsgefahr hinzu, die einfach zu hoch wäre“, sagt Direktorin Erika Bucher. Die Kinder akzeptieren die Schulordnung: „Es ist eher ein Thema für die Eltern.“

Obwohl der kulturelle wie religiöse Mix an der Telfer Volksschule Josef Schweinester groß ist, ist das Kopftuch kein Thema. „Wir haben hin und wieder nur ganz, ganz wenige Kinder, die ein Kopftuch tragen. Es gab nie ein türkischstämmiges Kind, wenn, dann waren es Flüchtlingskinder, die bei uns eine Zeitlang zur Schule gingen“, erklärt Direktorin Silvia Heigl. Auch in Telfs gilt die Schulregel, „dass im Unterricht u. a. keine Schildkappe getragen werden darf. Das gebietet einfach die Höflichkeit und damit haben wir noch nie ein Problem gehabt“, so Heigl. Die Direktorin sieht nicht das Kopftuch, sondern die Deutschkenntnisse als wichtigstes Thema der Integrationsdiskussion. „Wir haben türkischstämmige Kinder, deren Eltern schon in Österreich zur Schule gegangen sind. Sie wollen mit ihren Kindern neben Freunden nicht Deutsch sprechen. Das ist das wesentlich größere Problem“, sagt Heigl. Und hier kann sich Heigl auch härtere Maßnahmen vorstellen. „Wenn der Wille der Eltern fehlt, dass das Kind Deutsch lernt und spricht, dann sollte die Kinderbeihilfe vehement gekürzt werden.“ Warum Heigl hier derart klare Worte findet, kann sie erklären: „Die Kinder kommen sonst im Unterricht überhaupt nicht mit und langfristig werden damit für sie alle Chancen für die Zukunft verbaut. Wir müssen daher hier ansetzen“, ist die Direktorin überzeugt.

Auch für Reinhard Angerer, Direktorstellvertreter der Volksschule Wörgl 1, ist nicht das Kopftuch, sondern die sprachliche Integration vorrangiges Thema. „Trotz Sprachförderung im Kindergarten gibt es zu viele Kinder, die wenig bis kein Deutsch sprechen.“ Zielführend findet Angerer aber nicht, dass man den Kindern zwangsverordnet, nur Deutsch zu sprechen. „Die Muttersprache ist schon auch wichtig. Aber es würde alles um vieles besser werden, wenn wenigstens ein Elternteil mit den Kindern Deutsch spricht“, so Angerer. In seiner Schule war es bisher nur ein Mädchen, das ein Kopftuch getragen hat, „und das war ein Flüchtlingskind. Ich denke eher, dass das Kopftuch Thema bei den Älteren ist.“ Das geplante Gesetz zum „Kinderschutz“ – wie es heißt –, dass das Tragen eines Kopftuchs für Mädchen unter 10 Jahren verbieten soll, sieht Angerer mit gemischten Gefühlren. „Manche werden sicher zwangsbeglückt werden müssen. Aber prinzipiell wird es eher ein Zwischending zwischen Bewusstseinsbildung und Gesetz brauchen“, meint Angerer.

Für Direktorin Katrin Santer der VS Reutte stellt sich das Kopftuchproblem nach eigenen Angaben gar nicht, „weil kein Mädchen mit Kopftuch in die Schule kommt“. Ähnlich zeigt sich die Situation an der Innsbrucker VS Leitgeb I. „Es kommt ganz selten vor, dass ein Mädchen ein Kopftuch trägt. Das Beste ist in einem solchen Fall, dass die Klassenlehrerin das sowohl mit dem Kind als auch den Eltern thematisiert. Auch wenn es sich nur um Einzelfälle handelt, suchen wir immer das Gespräch“, sagt Direktorin Andrea Hofstädter-Binna. Es ist ein anderes Thema, das der Innsbrucker Direktorin dringend am Herzen liegt. „Es geht um Mädchen, die am Schwimmunterricht nicht dabei sein wollen oder dürfen. Das ist das viel größere Problem, das es zu lösen gilt.“

„Es braucht die Kompetenz, mit der Vielfalt umzugehen“

Wenn zehnjährige muslimische Mädchen ein Kopftuch tragen, hat das nichts mit Religion zu tun. „Alle religiösen Normen wie das Fasten, Beten oder das Tragen eines Kopftuchs gelten erst ab der Pubertät, denn erst ab der Pubertät gilt man im Islam als religiös mündig", erklärt Zekirija Sejdini, Professor für Islamische Religionspädagogik an der Universität Innsbruck..Weil das Tragen eines Kopftuchs in diesem Alter „wirklich eine Ausnahme ist, zweifle ich am Nutzen eines Verbots. Ich fürchte vielmehr, dass es zusätzliche Brisanz in dieses Thema bringt und Verunsicherung erzeugt", sagt Sejdini. Er wünscht sich, dass zuerst österreichweit die Zahlen erhoben werden, wie viele junge Mädchen denn wirklich ein Kopftuch tragen (müssen). Für besonders wichtig hält Sejdini vielmehr, dass Kindergartenpädagogen und Lehrer aus- und weitergebildet werden, „um mit der kulturellen und religiösen Vielfalt in Österreich umzugehen". Und mit der Vielfalt meint Sejdini „die positiven wie negativen Seiten". Erst mit dieser Kompetenz, die nicht nur Religionslehrer betreffe, „können Lösungen erarbeitet werden. Und so vermeidet man die Überforderung an Kindergärten und Schulen." (wa)