Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 06.05.2018


Exklusiv

Bad Häring und Grünberg: Behindertensprecherin bleibt stumm

Warum hält sich ÖVP-Behindertensprecherin Kira Grünberg als ehemalige Patientin von Bad Häring in der Debatte über die AUVA zurück? Eine Spurensuche.

© APAÖVP-Chef und Bundeskanzler Sebastian Kurz holte im Juli 2017 Kira Grünberg in sein Team für die Nationalratswahl. Die ehemalige Leichtathletin ist heute VP-Behindertensprecherin.



Von Peter Nindler

Innsbruck – Seit November sitzt die nach einem Trainingsunfall querschnittgelähmte ehemalige Tiroler Stabhochspringerin Kira Grünberg (25) im Nationalrat. Als Behindertensprecherin der ÖVP. Außer einer vom ÖVP-Parlamentsklub für sie verfassten schriftlichen Stellungnahme hat sie sich bisher in der Diskussion zur Reform der Allgemeinen Versicherungsanstalt AUVA nicht geäußert. Schließlich war sie nach ihrem Trainingsunfall im Sommer 2015 über Monate auf Rehabilitation in Bad Häring, das von der AUVA betrieben wird.

Doch Bad Häring und Kira Grünberg – das ist ein schwieriges Verhältnis. Nur, es ist ein öffentliches, weil die heutige ÖVP-Parlamentarierin in ihrem 2016 erschienen Buch „Mein Sprung in ein neues Leben“ kapitelweise die Reha-Einrichtung kritisiert und die dort verantwortlichen Ärzte und Physiotherapeuten namentlich attackiert. Ohne Zurückhaltung. Und mit offenen Drohungen: „Papa fuhr schwere Geschütze auf, schaltete die AUVA ein und forderte einen neuen verantwortlichen Chefarzt für mich. Widrigenfalls würde er den Minister und/oder die Öffentlichkeit mit der Angelegenheit befassen“, heißt es in dem Buch. Hintergrund für die Auseinandersetzungen waren die Therapiemethoden. Vor allem Kira Grünbergs Vater und ihr Manager spielten dabei eine Hauptrolle.

Das ist aber gerade das Erfolgsrezept, dass in Bad Häring nach den für die Betroffenen so einschneidenden Schicksalsschlägen die Therapie ohne Ansehen der Person erfolgt. Hunderte dort betreute Menschen sind froh darüber. Doch die Grünbergs zweifelten über Monate die Therapiepläne an, sie vermissten die Individualisierung. Und in Kira Grünbergs Buch wird dem Therapiezentrum vorgeworfen, dass der Fokus in Bad Häring darauf gelegt werde, die Patienten schnellstmöglich zu einer gewissen Selbstständigkeit im Rollstuhl zu erziehen. Und so wird Vater Frithjof Grünberg zitiert: „Manche Patienten mögen ja leicht zufriedenzustellen sein. Wir sind es nicht.“ Dazu passten gleichermaßen Aussagen, dass der „natürlich“ von der Krankenkasse finanzierte Rollstuhl „Oma-like“ aussehe.

Letztlich explodierte der Konflikt dermaßen. Auch weil die Reha-Führung gefordert hatte, dass Grünbergs Familie und der Manager sich endlich teilweise oder ganz zurückziehen sollten. Auch wegen der Selbstständigkeit. Im Dezember 2015 einigte man sich darauf, dass Kira Grünberg einen neuen Chefarzt erhielt. Man wollte Ruhe, denn die Grünbergs hätten immer wieder mit der Öffentlichkeit gedroht. Im März 2016 verließ Grünberg das Reha-Zentrum und bedankte sich beim gesamten Team. Danach folgte die Abrechnung in ihrem Buch.

Zwei Jahre später ist man in Bad Häring ob der Sparpläne der neuen Bundesregierung verunsichert, zuletzt kritisierte die ÖVP-Spitze im Land, LH Günther Platter und Gesundheitslandesrat Bernhard Tilg, das „Desaster, Bad Häring so zu verunsichern“. Von der Behindertensprecherin der Volkspartei Kira Grünberg war bisher nichts zu hören.

In Bad Häring hat man das Kapitel Grünberg jedenfalls abgehakt. Der ehemalige Leiter der Physiotherapie in der Reha-Klinik, Richard Altenberger, der 38 Jahre verunfallte Patienten betreut hat und als Therapeut einen über die Grenzen Tirols hinaus anerkannten Ruf genießt, gibt allerdings heute zu, „dass ich mich durch das Buch schon vor den Kopf gestoßen gefühlt habe“. Und so sei es vielen in Bad Häring gegangen: Ärzten, Therapeuten und Pflegern.

In einer Reaktion auf das Buch von Kira Grünberg schrieb eine Patientin und querschnittgelähmte Ärztin von Bad Häring: „Mir selbst hat gerade die unvergleichliche Kompetenz, vorbildliche Zusammenarbeit zwischen dem Chefarzt, Fachärzten, Pflege und Therapeuten und vor allem die herausragende Menschlichkeit und Empathie sämtlicher Mitarbeiter sehr geholfen, meinen Querschnitt so gut es geht anzunehmen, selbstständig zu werden und einfach das Beste daraus zu machen.“ Sie bringe dem Reha-Zentrum jedenfalls großes Vertrauen entgegen.