Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 29.06.2018


Bezirk Schwaz

„Braucht es überhaupt Maßnahmen?“

Bei der Diskussion um den Hochwasserschutz im Mittleren Unterinntal wurden die geplanten Schutzbauten in Frage gestellt. Die Gründung des Wasserverbands rückte in den Hintergrund, es gab zu viele andere offene Fragen.

© FankhauserDer Hochwasserschutz sorgt auch in Schwaz und Umgebung für jede Menge Diskussionsstoff bei den Gemeinderäten und Ortsbauern.Foto: Fankhauser



Von Eva-Maria Fankhauser

Schwaz – Eigentlich wollte Bezirkshauptmann Michael Brandl am Mittwochabend in der WK Schwaz die Gemeinderäte des Planungsverbandes über die Gründung des Wasserverbandes aufklären und diese vorantreiben. Doch den rund 50 Mandataren und Schwazer Ortsbauern brannten ganz andere Fragen unter den Nägeln.

Nach einer kurzen Projekterklärung der Experten des Landes ließen die ersten nicht lange auf sich warten. „Gibt es keine anderen Optionen?“, wollte GR Eva-Maria Moser wissen. „In Innsbruck wird es keine Maßnahmen geben, warum?“, fragte ein Zuhörer. Einer der Gemeinderäte ärgerte sich: „Wir schaffen Retentionsflächen, die wir nicht brauchen, während in Innsbruck Boden versiegelt wird.“

Irina Kampl von der Wasserabteilung des Landes erklärte, dass man alle Möglichkeiten geprüft habe: „Die Abschnitte Oberes Inntal, Mittleres Unterinntal und Unteres Unterinntal müssen Maßnahmen so setzen, dass sie geschützt werden und sich die Lage für den nächsten Abschnitt nicht verschlechtert. Es entstehen z. B. auch in Zams und Schönwies Retentionsflächen.“

In der Diskussion zeigten sich Zweifel: Braucht es überhaupt Maßnahmen? Ortsbauernobmann Franz Geisler sagte, dass 2005 Schwaz trotz des 100-jährlichen Hochwassers (HQ100) trocken blieb. Markus Federspiel (Abteilungsleiter Wasserwirtschaft) erklärte, dass es sich 2005 in Wörgl und im Oberland zwar um ein HQ100 handelte, in Schwaz aber nach Berechnungen nur ein HQ30. Ein Hochwasser komme nicht überall gleich zu tragen und könne sich durch Zubringerflüsse in bestimmten Gebieten verschärfen.

Ein Gemeinderat forderte mehr Einblick, wie in anderen Abschnitten geplant werde. „So könnte man das Misstrauen untereinander senken“, sagte er. Auch die alpine Retention war Thema – die TT berichtete bereits. Trotz den Erklärungen der Experten glaubt der Schwazer GR Hermann Weratschnig an das Potenzial. „Klar ist jedes Hochwasserereignis anders. Aber das Wasser kommt ja irgendwo her. Es regnet nicht nur in den Inn rein“, sagte er. Doch die Experten beharren auf ihrer Studie, dass die Wirkung alpiner Retention auf den Schwellwert im Inn zu gering sei. Weratschnig glaubt, dass der Grund bei der Finanzierung liegt: „Für alpine Retention zahlt der Bund nicht 80 bis 85 %, sondern nur 30 %. Also müsste das Land mehr zahlen und forciert sie daher nicht.“

Für Zündstoff sorgte eine Frage von Geisler: „Was ändert sich durch die Maßnahmen, wenn wir wieder ein Hochwasser wie 2005 hätten?“ „Nichts“ – war eine der Antworten. Danach wurde es laut ihm Saal. Seitens des Landes wurde erklärt, dass bei einem 30-jährlichen Hochwasser – wie es damals in Schwaz aufgetreten ist – sich nichts ändern würde. Die Retentionsbecken würden sich füllen, wie sich damals die Schwazer Felder füllten. Man will die Becken dort bauen, wo sich auch jetzt das Wasser seinen Weg suche. „Würde Wörgl absaufen?“, fragte ein Zuhörer. „Wahrscheinlich, weil jeder Abschnitt Maßnahmen für sich setzt und dafür verantwortlich ist, dass es für den nächsten Abschnitt nicht schlechter wird“, sagte Federspiel. Der Hochwasserschutz funktioniere nur, wenn jeder Abschnitt die Maßnahmen umsetzt. Das beantwortete auch die Frage des Vomper BM Karl-Josef Schubert, warum man unten mit der Planung anfange. Es spiele keine Rolle, wo zuerst gebaut werde. Man habe nach Priorität reagiert.

Während in Schwaz der Inn 2005 nicht übers Ufer trat, traf es Terfens. „Wir haben schon seit Langem natürliche Retentionsflächen in der Ober- und Unterau. Nach 2005 haben wir zusätzlich mit einer Mauer zum Schutz von Wohn- und Gewerbegebiet reagiert. Das Problem ist die Abgeltung für die gefluteten Flächen. Das ist derzeit furchtbar“, sagte BM Hubert Hußl. Das solle sich laut BH Brandl durch den Wasserverband ändern: „Die Entschädigung erfolgt zu 100 % durch den Wasserverband.“

Ein Mandatar wollte wissen, was teurer ist: der Hochwasserschutz oder eine Versicherung für die Betroffenen. „Lassen wir die Leute absaufen und zahlen dann eine Entschädigung – das geht nicht“, sagte BH Brandl. Zudem würden durch Schutzbauten rote und gelbe Zonen wieder bebaubar. „Wir fluten unsere Felder und andere Gemeinden kriegen dafür Bauland. Das ist nicht gerecht“, sagte ein Mandatar.

Nach dreistündiger Diskussion war man der Wasserverbandsgründung nicht wirklich näher gekommen, aber um viele Antworten und Standpunkte reicher.




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