Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 09.07.2018


Exklusiv

Tunnel in Zeitnot: Streit in Bayern und unter Bauriesen

Die Fertigstellung des Brennerbasistunnels könnte sich bis 2029 verzögern, in Bayern gibt es massiven Widerstand gegen die Zulauftrassen.

© Thomas BöhmDer Vortrieb eines Rettungsstollens für den Brennerbasistunnel sorgt für Probleme.



Von Peter Nindler

Innsbruck – Das Baulos „Pfons–Brenner“ (18 Kilometer) des 55 Kilometer langen Brennerbasistunnels bremst den Baufortschritt. Die Vergabe an ein Baukonsortium rund um die Porr AG mit der italienischen Condotte liegt wegen eines Feststellungsantrags des unterlegenen Konkurrenten Strabag, wie mehrfach berichtet, derzeit auf Eis. Gegenüber der APA hat Basistunnel-Vorstand Konrad Bergmeister die Verzögerungen mit elf Monaten beziffert. Beim Bau selbst betrage der Rückstand lediglich drei Monate.

Für den Fall des Falles gebe es laut Bergmeister jedoch Alternativen, wie eine Streckung der aktuellen Baulose. „Natürlich steht eine Neuausschreibung im Raum“, fügt er auf Anfrage der TT hinzu. Die Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts über die Vergabe des 966 Millionen Euro teuren Tunnelabschnitts lässt sich derzeit noch nicht abschätzen. Als Begründung für die Feststellungsklage führt die Strabag an, dass die Condotte nicht zuverlässig sei. Schulden von 460 Mio. Euro und Außenstände von 770 Mio. Euro machten ein Sanierungsverfahren der Condotte in Italien notwendig. Im Frühjahr wurde sogar der Präsident des Verwaltungsrates, Duccio Astaldi, wegen des Verdachts auf Schmiergeldzahlungen verhaftet.

Möglicherweise muss die ursprünglich für Ende 2026 geplante Eröffnung des Basistunnels bis 2029 verschoben werden. Frühestens 2040 geht die Zulaufstrecke im bayerischen Inntal in Betrieb. Dort stockt der Bahnausbau gewaltig, in Südtirol ist man zwischen Franzensfeste und Waidbruck (21 Kilometer) schon wesentlich weiter.

Die Ende Juni präsentierten zwölf Trassenvorschläge für den Nordzulauf stoßen in Bayern auf heftigen Widerstand, nicht nur in der Bevölkerung. Die Sprecherin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion für Verkehr im Bundestag und bayerische Abgeordnete Daniela Ludwig sagt dazu: „Es sind viele Fragen offen geblieben, die die Bahn als Projektträgerin hätte beantworten müssen.“ Diese Vorschläge seien so nicht zu akzeptieren. „Der Tunnelanteil der vorgelegten Entwürfe ist viel zu gering. Sollten zusätzliche Gleise notwendig werden, kann es für die Region nur Lösungen geben, die weitestgehend in Tunneln oder Wannen verlaufen“, erklärt Ludwig.

Der Bahnausbau in Bayern dürfte Investitionen von mehr als 2,5 Mrd. Euro notwendig machen. Deshalb auch die Skepsis, als Alternative wird deshalb auf eine Modernisierung der Bestandsstrecke gedrängt. Ludwig: „Oberste Priorität hat bereits heute das von der Bahn längst zugesagte und vom Bund finanzierte Lärmschutzprogramm für die Bestandstrasse.“

Wegen des „Fleckerlteppichs“ ohne Zulaufstrecken übte der Europäische Rechnungshof zuletzt heftige Kritik an dem Milliardenprojekt. Bis zur Fertigstellung sind 9,3 Mrd. Euro veranschlagt, Verzögerungen könnten den Tunnel verteuern. „Schließlich gehen wir von einer jährlichen Anpassung von 2,5 Prozent aus, bei 9,3 Milliarden wirken sich Verzögerungen finanziell doch ziemlich massiv aus“, sagt Konrad Bergmeister.

Apropos Investitionen in die Schiene: Hier gibt es zwischen Deutschland und Österreich ein deutliches Gefälle. 66 Prozent aller Infrastrukturausgaben in Österreich entfallen auf die Bahn, in Deutschland sind es nur 47 Prozent. Die Pro-Kopf-Investitionen in die Schieneninfrastruktur in Österreich werden mit 198 Euro beziffert, in Deutschland lediglich mit 64 Euro.