Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 15.07.2018


Exklusiv

Familienberatung: Kürzung trifft 1650 Tiroler in Not

Immer mehr überforderte Eltern, immer mehr Jugendliche als Opfer von Cybergewalt: Dennoch gibt es eine Million Euro weniger für die 42 Tiroler Beratungsstellen.

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© wahala



Von Brigitte Warenski

Innsbruck, Wien – Panikattacken, Schlaflosigkeit, Depressionen, Suchtgefährdung und die Zunahme von Gewalt: Schon jetzt gibt es in Österreich lange Wartelisten für Paare, Familien, Kinder und Jugendliche, die kostenlose und anonyme Hilfe in Österreichs Familienberatungsstellen suchen. „Und die Situation wird sich mit der angekündigten Kürzung der Förderungen des Bundes für diese Beratungsstellen noch weiter zuspitzen. „Wir müssen wirklich Katastrophenalarm geben“, sagt Johannes Wahala vom Dachverband Familienberatung, der u.a. auch die Beratungsstelle Courage in Innsbruck leitet. In Tirol können sich Menschen in Krisensituationen an – durch das Familienberatungsgesetz geförderte – 35 Beratungsstellen wenden. Zusätzlich gibt es noch acht Familienberatungen an den Bezirksgerichten. Wichtige Einrichtungen in einer Zeit, „in der laut wissenschaftlichen Studien viele Familien starken Belastungen ausgesetzt sind und psychische Störungen erheblich ansteigen“, weiß Wahala.

Nun sieht der Budgetvoranschlag 2018 aber vor, dass von den 13 Millionen Fördereuro eine Million Euro gekürzt wird. „Das bedeutet allein für die Tiroler Beratungsstellen, dass sie 1650 Klienten nicht mehr betreuen können und 2380 Beratungsstunden einsparen müssen – und das ab sofort.“ Von der Kürzung informiert wurden laut Wahala übrigens weder Dachverband noch einzelne Einrichtungen. „Ich habe das zufällig beim Lesen des Budgetvoranschlages gesehen“, ist Wahala empört und warnt, dass mit der Kürzung die „psychosoziale Versorgung von Familien in Österreich stark gefährdet ist“.

Besonders für Familien im unteren Einkommensbereich, „die sich keine Psychotherapie und keine professionelle Beratung leisten können“, sind die geförderten Einrichtungen eine wichtige Anlaufstelle. „Es geht um Themen wie Erziehung, Scheidung oder in den Spezialeinrichtungen um sexuelle Gewalt oder Frauen in Not“, erklärt Wahala. Immer dringender ist die Hilfestellung aber in akuten Notsituationen: „So haben wir bei Kindern und Jugendlichen immer mehr Fälle von Cybergewalt und -kriminalität und auch die Selbstmordversuchsrate ist im Steigen. Immer mehr Eltern sind überfordert und es steigt die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes.“ Der Dachverband versucht nun, mit einer Petition zu erreichen, dass Bundeskanzler Sebastian Kurz und Familienministerin Juliane Bogner-Strauß die Kürzung der Förderung der Familienberatung zurücknehmen. „Österreich braucht weiterhin eine ausgewogene und unterstützend wirkende Familienpolitik. Jede Unterschrift zählt. Die Petition liegt in allen Familienberatungsstellen auf und kann online unterschrieben werden“, so Wahala.

Beratung

Beratungsstellen: In der Familienberatung finden Menschen kostenfreie und anonyme Unterstützung in vielfältigen Krisen wie zum Beispiel bei Erziehungsproblemen, Familien- und Paarkonflikten, Trennungen, Kindesmisshandlungen, (häuslicher) Gewalt, schulischen Problemen, Arbeitslosigkeit, psychischen Problemen, Behinderung, Migration, (Cyber-)Mobbing, Diskriminierungen, Sucht etc. Ziel ist neben der Hilfestellung in akuten Lebenskrisen eine umfassende Präventionsarbeit, v. a. hinsichtlich Gewalt und sexuellem Missbrauch.

Budgetkürzung: 2017 wurden in den fast 400 Familienberatungsstellen in Österreich 230.000 Kinder, Jugendliche, Frauen, Männer, Paare und Familien in 475.000 Gesprächen beraten. Die Auswirkungen der Budgetkürzung betreffen österreichweit 18.000 Menschen, 26.000 Beratungsstunden müssten eingespart werden.

Gesetz: Der „Dachverband Familienberatung“ ist ein Zusammenschluss österreichweiter Rechtsträger von Familienberatungsstellen. Familienberatungsstellen sind im Sinne des Familienberatungsförderungsgesetzes vom Bund anerkannte Beratungsstellen. Im Familienberatungsförderungsgesetz hat sich der Bund verpflichtet, professionelle Familienberatung zu fördern.

Petition: Wer gegen die Kürzung unterschreiben will, findet die Petition auf www.dachverband-familienberatung.at.