Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 14.08.2018


Osttirol

WWF beeinsprucht Lesachtalprojekt

Seit Kurzem sind schwere Lkw im Lesachtal bei Kals unterwegs. Nach einem positiven naturschutzrechtlichen Bescheid haben die Vorarbeiten für ein umstrittenes Kleinkraftwerk begonnen.

© Gebhard TschavollDer WWF besteht auf dem Schutz der letzten unberührten Zubringerflüsse in die Isel, wie hier des Lesachbachs in Kals.Foto: WWF/Gebhard Tschavoll



Von Christoph Blassnig

Kals a. G. – Projektwerber Anton Huter zeigte sich in einer ersten Reaktion erstaunt. Als Obmann der Agrargemeinschaft Lesachalm hat er lange für die Bewilligung eines Kleinkraftwerkes dort gekämpft. Als Privatinvestor plant Huter zusätzlich einen Alpengasthof zu errichten. Andere Bezeichnungen lauten auf Schutzhütte, ein Refugium oder gar ein Chaletdorf. Man müsse sein Gesamtkonzept für das Lesachtal bei Kals betrachten, verlangt Huter. Eine Stromerzeugung vor Ort in zwei Stufen sei einfach notwendig, um überhaupt eine weitere Nutzung der Kulturlandschaft im Lesachtal ermöglichen zu können. Das Projekt sei absolut von regionalem und öffentlichem Interesse, wie etliche Einrichtungen wie etwa der Nationalpark Hohe Tauern im Zuge der Planungen bestätigt hätten.

Während der wasserrechtliche Bescheid seit Jahren besteht, wurde um einen naturschutzrechtlichen lange gerungen und das Vorhaben mehrmals umgeplant. Am 10. Juli dieses Jahres ist schließlich der positive naturschutzrechtliche Bescheid ergangen. Anton Huter sieht sich damit bestätigt: „Die ohnehin strengen Tiroler Auflagen wurden bestens erfüllt“, sagt der Projektwerber. Selbst im Regierungsprogramm sei die Wiederbelebung des Lesachtales festgeschrieben. Doch am Montag hat der WWF in einer Aussendung gegen das Vorhaben protestiert und sieht einen „Angriff auf die letzten Flussjuwele Osttirols“. Man erhebe Einspruch und leite juristische Schritte gegen das geplante Kleinkraftwerk ein.

Huter reagierte überrascht: „Die Stromanlage ist rechtskräftig verhandelt. Was der WWF beeinspruchen will, ist mir ein Rätsel.“ Alternativen habe er geprüft. So seien Insel­anlagen wohl nicht möglich, weil man in Schutzgebieten oder gar der Kernzone des Nationalparks liege. Eine Erschließung durch das öffentliche Stromnetz von Kals aus würde allein Verhandlungen mit 30 Grundeigentümern bedeuten und für einen Einzelnen einen zu hohen Aufwand. Somit sei die eigenständige Energieversorgung aus Wasserkraft die einzig gangbare Lösung, meint Huter.

Gerhard Egger, Flussexperte des WWF, widerspricht: „Man muss nicht in solchen Dimensionen planen, dass große Überschüsse zu erwarten sein werden.“ Es handle sich um wenige Almhütten, deren Versorgung mittels Inselanlagen sicher keinen unüberwindbaren Aufwand bedeuten würde.

Das geplante Kraftwerk soll aus zwei Stufen bestehen: einer Oberstufe mit 1,4 Megawatt Leistung und einer Unterstufe mit 1,9 Megawatt. Inzwischen haben „Vorarbeiten“ am Lesachbach begonnen und schwere Lkw seien unterwegs, bestätigt Huter.

WWF-Experte Egger verdeutlicht die Bedenken des Umweltverbandes und wie man rechtlich vorgehen werde: „Wir haben den wasserrechtlichen Bescheid angefordert und werden ihn genau prüfen.“ Dass im Juli der positive naturschutzrechtliche Bescheid ergangen sei, habe wiederum den Umweltverband „sehr verblüfft“. Der Naturschutzplan sehe vor, dass es zu keiner Verschlechterung kommen dürfe, auch nicht in Teilbereichen. Die Wasserrahmenrichtlinie spreche da eine mehr als deutliche Sprache, so Egger, und der Erlass sei „nicht nachvollziehbar“. „Die Einspruchsfrist endet diese Woche. Wir sind sicher, dass nicht das Interesse an der Verbauung höher zu bewerten sein darf als der Erhalt der letzten verbliebenen Naturschätze. “

Es gebe in ganz Tirol nur noch drei Fließgewässer, die laut dem Naturschutzplan des Landes mit dem Prädikat „Sehr erhaltenswert/Sehr hohe Bedeutung“ versehen sind. Der Oberlauf des Lesachbaches sei der einzige davon in Osttirol und alleine deshalb sicher zu schützen, mahnt der WWF-Experte. Durch die Verbauung der Zubringer zum Schutzgebiet Isel drohe die schrittweise Zerstörung.

Nationalparkdirektor Hermann Stotter bestätigt zwar, dass seine Einrichtung im Jahr 2016 eine grundsätzliche Stellungnahme zum Lesachtal abgegeben habe. Eine Schutzhütte mit Verköstigung und Übernachtungsmöglichkeit für Wanderer sei ein wünschenswertes Angebot, so Stotter. In welcher Form und Größenordnung und mit welchem Aufwand an Infrastruktur, dazu sei keine Beurteilung erfolgt. Die Kalser Bürgermeisterin Erika Rogl kennt den Bescheid und das Projekt zwar „als Außenstehende“, ihr komme in diesem privaten Verfahren der Agrargemeinschaft und ihres Obmannes Anton Huter aber keine Behördenstellung zu.