Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 09.09.2018


Exklusiv

Keine UVP für Fernpassscheiteltunnel

Für den um 100 Mio. Euro geplan-ten Fernpassscheiteltunnel ist keine Umweltverträglichkeitsprü-fung notwendig. Das entschied die Umweltabteilung des Landes.

© zeitungsfoto.atDie Fernpasstraße war am Samstag infolge eines Felssturzes von 12.30 Uhr bis 15.40 Uhr nur einspurig befahrbar.



Von Peter Nindler

Innsbruck, Reutte, Imst – Wir schreiben das Jahr 2018. Der Fernpass. Unendliches Warten, es staut sich wieder einmal auf der Verbundungsstrecke zwischen Innsbruck, Nassereith, Reutte und dem Allgäu. Zwischen 2007 und 2017 hat der Verkehr auf der Fernpassroute um 30 Prozent zugenommen. Durchschnittlich fahren rund 14.000 Fahrzeuge pro Tag über den Fernpass, an Spitzentagen sind es sogar 26.000. An mehr als 50 Tagen gibt es wegen der Blechlawine deshalb Blockabfertigungen.

Die Ansätze für die Lösung des Verkehrsproblems sind umstritten und haben vor allem den Koalitionspartner der ÖVP, die Grünen, vor eine Zerreißprobe gestellt. Denn die ÖVP will bis 2025 den 1360 Meter langen Fernpassscheiteltunnel realisieren, der Baubeginn ist für 2021 geplant. Im neuen schwarz-grünen Koalitionsprogramm vom März wurde der Tunnel politisch verankert, das führte schlussendlich zu Rücktritten bei den Grünen im Oberland. Gleichzeitig wird befürchtet, dass durch den Ausbau der Fernpassstrecke mit dem Tunnel das Fahrverbot für Lkw über 7,5 Tonnen wackelt. Der Tunnel soll die Fahrt über den Fernpass um 3,5 Kilometer abkürzen und die steilen Passagen umfahren.

So weit, so gut. Am 19. Juni 2018 hat das Land Tirol für den geplanten Fernpassscheiteltunnel ein Feststellungsverfahren beantragt, ob für das Straßenbauvorhaben eine Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) notwendig ist oder nicht. Jetzt liegt der Bescheid der Umweltabteilung des Landes vor. Es benötigt keine UVP, es reicht ein Naturschutzverfahren aus.

Welche Gründe führten zur Entscheidung, die am 4. September getroffen wurde? Zum einen hat die Umweltabteilung festgestellt, dass die Fernpassstraße im konkreten Abschnitt weder im Bestand noch im Planzustand mit dem forcierten Ausbau auf rund drei Kilometern, davon 1,4 Kilometer Tunnelstrecke, als Schnellstraße im Sinne des Europäischen Übereinkommens über die Hauptstraßen des internationalen Verkehrs zu qualifizieren ist. Auch das Längenkriterium (mindestens zehn Kilometer Neubaustrecke) und das Fehlen einer zweiten Richtungsfahrbahn würden gegen eine UVP sprechen, wird von der Behörde argumentiert.

Die Einwendungen des Landesumweltanwalts wurden ebenfalls abgelehnt. Eine – wie vom Landesumweltanwalt gewünschte – Auswirkungsbetrachtung auf das Natura-2000-Gebiet „Afrigal“ war laut Behörde nicht durchzuführen, weil durch das gegenständliche Vorhaben ein solches Schutzgebiet eben nicht „berührt“ wird.

Die erforderlichen Rodungen sind auch nicht UVP-pflichtig. „Mit gegenständlichen Vorhaben sind Rodungen von mehr als fünf Hektar, nämlich von rund 7,6 ha, verbunden. Zählt man zu diesen Rodungsflächen nun die in einem räumlichen Zusammenhang stehenden Rodungen innerhalb der letzten zehn Jahren hinzu, so werden damit in Summe nicht einmal zehn Hektar erreicht“, heißt es in der Begründung.

Die Geologie, so betonte der Vorstand der Abteilung Verkehr und Straße im Amt der Tiroler Landesregierung, Christian Molzer, zuletzt gegenüber der TT, könnte den Plänen keinen Strich durch die Rechnung machen. Die geologischen Vorerkundungen würden darauf hindeuten, dass das Projekt aufgrund des angetroffenen Dolomit-Festgesteins schließlich machbar sei.