Letztes Update am Mo, 22.10.2018 10:03

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Exklusiv

112.600 Tiroler gefährdet: Armut und ihre Folgen greifen um sich

Knapp jede siebte Person in Tirol ist von Armut bedroht. Im Schnitt steht ihnen nur ein Haushaltseinkommen von 10.728 Euro im Jahr zur Verfügung. Knapp 15 Prozent können sich sogar Mindeststandards nicht leisten.

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Von Manfred Mitterwachauer

Innsbruck – Im Durchschnitt der Jahre 2014 bis 2016 lag das mittlere Haushaltseinkommen in Tirol bei 22.128 Euro im Jahr. Personen, die in einem Haushalt leben, in welchem weniger als 60 Prozent des medianen Haushaltseinkommens eines Landes zur Verfügung stehen, gelten internationalen Standards zufolge als armutsgefährdet. In Österreich liegt diese Schwelle demzufolge bei 14.035 Euro. Diese Einkommensschwelle kann knapp jede siebte in Tirol wohnhafte Person nicht überspringen. 15 Prozent oder 112.588 Personen sind demnach von Armut bedroht. Zu diesem Ergebnis kommt jetzt die Studie „Armut und soziale Eingliederung in Tirol“, die der stellvertretende Leiter der Landesstatistik, Mario Stadler, erstellt hat.

Tatsächlich beträgt das mittlere Jahreshaushaltseinkommen aller armutsgefährdeten Personen in Tirol nur 10.728 Euro. Je niedriger das Einkommen all jener ist, die unter der Armutsgefährdungsschwelle liegen, desto größer ist die so genannte Armutsgefährdungslücke. Für Tirol hat Stadler eine Lücke von 23,6 Prozent errechnet. Österreichweit beträgt sie nur 20,2 Prozent. Wobei Stadler bei Vergleichen zur Vorsicht rät. Die Tirol-Zahlen seien zwar für sich selbst betrachtet als valide zu bezeichnen, würden aber aufgrund der geringen Fallzahlen eine doch höhere Schwankungsbreite aufweisen. Trotzdem: EU-weit schneidet Tirol mit einem neunten Platz unter 33 Ländern bei der Armutsgefährdungsquote gut ab. Am höchsten ist sie in Rumänien (25,3 %), der EU-Durchschnitt liegt bei 17,2 %.

Wer läuft am ehesten Gefahr, in die Armut abzurutschen? Auch das hat Stadler ausgewertet. Wenig überraschend sind dies all jene, die nicht in Österreich geboren sind (25,3 %), gefolgt von Einpersonenhaushalten (23,3 %), Nicht-Erwerbstätigen (21,5 %) und unter 15-Jährigen (21,4 %). Interessant: In den dünn besiedelten ländlichen Gegenden ist die Armutsgefährdung mit nur 12,2 Prozent im Vergleich zum dichten urbanen Raum (24,9 %) nur halb so groß. Das könnte auch mit den hohen Wohnkosten im städtischen Bereich zusammenhängen. Haushalte mit weniger Einkommen müssen prozentuell mehr für das Wohnen ausgeben als Besserverdiener, sagt Stadler.

Erschreckend ist, dass bereits knapp zehn Prozent aller Personen im erwerbsfähigen Alter (18 bis 64 Jahre) in Tirol zu den „Working Poor“ gezählt werden müssen. Knapp 34.500 Personen kommen im Schnitt nur auf ein äquivalisiertes Haushaltseinkommen (Summe aller Einkommen in Relation zur Haushaltsgröße) von nur rund 10.780 Euro pro Jahr. Nicht einmal eine Vollzeitbeschäftigung schützt vor drohender Armut: Neun Prozent (24.686 Personen) fallen darunter, bei den Teilzeitkräften beträgt die Quote 12,8 Prozent oder 10.351 Personen.

„Weder die Armutsgefährdungsquote noch die Armutsgefährdungsschwelle sagen aber etwas über das Ausmaß der Armut aus, dem die betroffenen Personen ausgeliefert sind“, sagt Stadler. Armut definiert sich auch über den Grad der Teilhabe innerhalb einer Gesellschaft. Als „arm“ können auch Menschen klassifiziert werden, deren Mittel nicht ausreichen, um den „üblichen Lebensstandard“ zu erreichen. Als Mindeststandard in Österreich ist wie folgt national definiert:

* Wohnung angemessen warm halten;

* regelmäßige Zahlungen (Miete etc.) rechtzeitig begleichen;

* notwendige Arzt- und Zahnarztbesuche;

* Tätigung unerwarteter Ausgaben;

* Kauf neuer Kleidung;

* jeden zweiten Tag Fleisch, Fisch oder eine vergleichbare vegetarische Speise essen;

* Freunde/Verwandte einmal im Monat zum Essen einladen.

Wer sich mindestens zwei dieser Kategorien nicht leisten kann, gilt als „finanziell depriviert“. In Tirol sind das immerhin rund 15,1 Prozent der Bevölkerung. Mehr als zwölf Prozent können es sich laut Eigenangabe nicht leisten, jeden zweiten Tag Fleisch oder Fisch zu essen. Außerhalb dieser Standards kann mangelnde Teilhabe aber auch andere Gründe haben. Knapp zehn Prozent der Armutsgefährdeten können sich kein Telefon leisten, sechs Prozent kein Internet. Ein eigenes Auto ist für fast 25 Prozent der Armutsgefährdeten nicht leistbar.

Wie Stadler erklärt, haben knapp mehr als 30 Prozent aller Armutsgefährdeten in Tirol hinsichtlich der finanziellen Deprivation zumindest zwei Probleme. Von all jenen, die über der Armutsgefährdungsschwelle leben, sind aber immerhin noch zwölf Prozent vom Mindestlebensstandard ausgeschlossen. Treffen Deprivation und Gefährdung zusammen, spricht man von „manifester Armut“. In Tirol betrifft das 4,6 Prozent der Bevölkerung.

Interview

Caritas-Direktor Georg Schärmer über Armut, gefährliche Pläne und den Terror der Konsumgesellschaft.

112.588 Personen gelten als armutsgefährdet. Spiegelt diese Zahl für Sie das tatsächliche Bild der Armut in Tirol wider?

Georg Schärmer:

Nein. Statistiken stellen Durchschnittswerte dar. Ich glaube, dass letztendlich viel mehr Menschen betroffen sind. Das Verfügen über ein bestimmtes Einkommen sagt noch nichts über die Lebensqualität aus. In Tirol haben sehr viele Menschen Schulden – insbesondere durch die Schaffung von Wohnraum. Wenn da ein Einkommen einbricht – etwa durch Krankheit –, dann wird es schon recht knapp.

Wo liegen die Gründe für Armutsgefährdung?

Schärmer:

Die größte Gefahr, in die Armut abzurutschen, ist der Verlust des Arbeitsplatzes, die zweite Krankheit. Es stimmt zwar, dass auch Minderqualifizierte besonders armutsgefährdet sind, wir haben aber auch viele junge Menschen, die Hochschulen mit tollen Abschlüssen verlassen, aber trotzdem in der Arbeitslosigkeit landen.

Tirol: reiches Land, arme Leute?

Schärmer:

Wir sind ein reiches Land, gleichzeitig wissen wir, wie teuer das Leben bei uns ist. Es ist Realität, dass bei einem Paar beide arbeiten gehen müssen, weil ein Gehalt allein fürs Wohnen draufgeht. Alleinstehende sind deshalb auch besonders gefährdet. Arm kann man werden, weil der Faktor Wohnen so groß ist.

Die Politik in Land und Stadt hat sich dem leistbaren Wohnen verschrieben, die Fortschritte sind bisher marginal. Geht Ihnen das zu langsam?

Schärmer:

Ich nehme zumindest wahr, dass es ein Bemühen und Ringen darum gibt. Aber ich sehe auch die Grenzen der Politik. Ich würde mir aber auch wünschen, dass bei den Lohnverhandlungen Wenigverdiener mehr als Höherverdiener bekommen. Da nehme ich auch die Gewerkschaften in die Pflicht. Was nützt eine Lohnerhöhung von drei Prozent quer durch alle Schichten, wenn es für Geringverdiener trotzdem nicht reicht? Und wenn die Regierung die Notstandshilfe abschaffen will, dann kann es zu einem Tsunami an Armutsgefährdeten oder wirklich manifest Armen kommen. Das wäre eine Katastrophe.

Wäre das bedingungslose Grundeinkommen ein Weg aus der Armutsfalle?

Schärmer:

Ich bin für ein Grundeinkommen, aber nicht für ein bedingungsloses. Die Menschen brauchen trotzdem eine Aufgabe. Armut muss aber viel weiter gesehen werden. Da geht es auch um eine mangelnde Teilhabe an der Gesellschaft. Einsamkeit ist ein Phänomen, das in ganz Europa zunimmt. Aber auch die Not pflegender Angehöriger und das Thema Sucht rufen große Armut hervor.

Welche Rolle spielt der Konsumdruck?

Schärmer:

Der Terror der Konsumgesellschaft ist einer der Hauptverursacher von Armut. Da kommen auch Eltern unter Druck. Die Genossenschaftsidee bräuchte eine Renaissance. Güter-, Fahr- und Wohngemeinschaften – all das könnten stimmige Methoden sein.

Wer arm ist, bleibt arm. Wer reich ist, bleibt reich. Würden Sie dem zustimmen?

Schärmer:

Ja, sicher. Da gibt es auch keine Bremsklötze, die man da reinhauen könnte. Wir brauchen ein Umdenken und eine neue Bescheidenheit, ja auch Sparsamkeit. Das gilt natürlich nicht für jene, die ohnedies wenig haben. Das wäre regelrecht zynisch.




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