Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 29.10.2018


Bezirk Kufstein

900.000 Euro in Wörgl investiert, aber Platz ist Ladenhüter

Für den neuen Stadtplatz am früheren Gradl-Areal griff Wörgl tief in die Tasche – angekündigte Veranstaltungen blieben bisher aus.

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© Hrdina



Von Jasmine Hrdina

Wörgl — Es sollte ein „Ort der Begegnung" sein, das als „Stadtplatz" kolportierte Areal hinter der Wörgler Kirche. Von Veranstaltungen wie Märkten und Konzerten war die Rede, 900.000 Euro hatte die Gemeinde letzten Endes in die Gestaltung dieses „Referenzprojekts für Wörgl" — wie von Bürgermeisterin Hedi Wechner betitelt — investiert. Die Wohnungen sind seit zweieinhalb Jahren bezogen, die Blumen am Areal blühen, „alle Anschlüsse für Veranstaltungen wie Wasser und Strom sind vorhanden", heißt es aus dem Stadtbauamt. Es wäre also alles angerichtet — nur lädt niemand zum Fest.

„Es ist nicht ganz unkompliziert", formuliert es Kulturreferentin Gabriele Madersbacher vorsichtig und meint dabei konkret das Thema Lärmbelästigung. 75 Wohnungen des Baurechtsträgers Wohnbaugenossenschaft Frieden kesseln den Platz gemeinsam mit Musikschule und Kirche ein. „Veranstaltungen sind schwierig, weil der Lärm ziemlich hallert", führt Madersbacher aus.

Berechtigte Bedenken, die eigentlich schon vor dem euphorischen Gemeinderatsbeschluss für die Budgeterhöhung von 490.000 auf 900.000 Euro im Mai 2016 laut geworden waren. Dennoch stimmte die politische Stadtführung mit Ausnahme einer grün-blauen Allianz für das Projekt.

An den Bewohnern scheitere es definitiv nicht, betont Dietmar Härting, GF der Wohnbaugenossenschaft Frieden, auf Anfrage der TT. „Im Gegenteil. Wir würden es begrüßen, wenn auf dem Platz mehr los wäre. Dann würden wir uns auch leichter tun, einen Pächter für das Café im Erdgeschoß zu finden." Seit zweieinhalb Jahren warten die Räumlichkeiten im Wörgler Zentrum nämlich auf einen Betreiber.

Zudem sei in den Mietverträgen der Bewohner festgehalten, dass am Areal Veranstaltungen stattfinden würden und auch mit Lärm durch die Kirchenglocken zu rechnen sei, wie Härting bestätigt, „damit wir mietrechtlich kein Problem bekommen". Die gesetzliche Ruhezeitenverordnung gelte freilich trotzdem.

Dass Nachbarn rund um die Kirche auf ihr Recht auf nächtliche Ruhe pochen, musste die Kulturreferentin bereits selbst im Zuge eines von ihr in der Kirche veranstalteten Konzertes feststellen. Zum anschließenden Sektempfang im nahe gelegenen Tagungshaus gesellte sich jedenfalls auch die Polizei — auf „Einladung" von Anrainern, die sich durch Lärm auf der Terrasse gestört fühlten.

Dennoch wolle man im kommenden Jahr die „eine oder andere Veranstaltung ausprobieren" — denkbar wäre laut Madersbacher etwa ein Flohmarkt. „Aber wir können nicht wie Raubritter drüberfahren, es gibt gesetzliche Normen und Regelungen." Für „zeitlich begrenzte" Veranstaltungen eigne sich der Platz aber dennoch, speziell als „Verlängerung zum Kirchhof", so die Kulturreferentin. Und dafür habe sich der Platz bereits bewährt, wie BM Hedi Wechner hervorhebt. „Es finden laufend große Veranstaltungen auf dem Platz statt", sagt die Stadtchefin und meint dabei Aufmärsche von Brauchtumsgruppen wie Landjugend und Schützen. Zu Fronleichnam gab es eine Prozession.

Der Segen von oben dürfte dem Platz also doch sicher sein — offiziell eröffnet und eingeweiht wurde das „Referenzprojekt" bis heute nicht.