Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 10.11.2018


Novemberpogrom

9. November 1938: Die dunkle Nacht von Innsbruck

Das Novemberpogrom verlief in der Tiroler Hauptstadt besonders brutal und niederträchtig. Drei Männer wurden ermordet, ein vierter Mann starb an den Misshandlungen. Zwei Frauen stürzten sich aus Verzweiflung in den Inn.

© Innsbrucker StadtarchivInnsbruck vor 80 Jahren. Das Straßenbild nach dem Novemberpogrom gibt Zeugnis ab über eine verbrecherische Geisteshaltung. Die Ausschreitungen gegen die jüdischen Mitbürger wurden in Innsbruck mit einer besonderen Perfidie geführt.



Von Horst Schreiber

Auch wir in Tirol haben noch allerhand Juden, und wir Tiroler lassen uns bekanntlich allerhand gefallen, ehe wir richtig zuschlagen. Aber wenn, dann richtig. Tiroler Fäuste haben nichts an Kraft verloren, und wer in der Geschichte einigermaßen Bescheid weiß, der wird diese Drohung verstehen." Diesen Kommentar von Ernst Kainrath — er arbeitete nach 1945 als Redakteur der Tiroler Tageszeitung — konnte die Bevölkerung am Morgen des 10. November 1938 in der Innsbrucker Neuesten Zeitung lesen.

Die Morde

Kainrath schrieb seinen Artikel einige Stunden bevor mehr als 90 Mitglieder von SS, SA und des Nationalsozialistischen Kraftfahrerkorps auf Befehl ihrer Anführer und von Gauleiter Franz Hofer mindestens 36 Wohnungen jüdischer Mitbürger in Innsbruck überfielen. Sie verletzten geringstenfalls 38 Juden und Jüdinnen teils schwer, töteten drei Männer — ein vierter starb zwei Monate nach den Misshandlungen — und zerstörten zwei Geschäfte und den jüdischen Betsaal. Zwei aus Garmisch-Partenkirchen vertriebene jüdische Frauen stürzten sich an diesem 10. November kurz nach ihrer Ankunft in Innsbruck aus Verzweiflung in den Inn und ertranken.

Wilhelm Bauer wurde in der Pogromnacht ermordet. Wenige Tage später erschien in den „Innsbrucker Nachrichten“ diese zynische Karikatur.
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Wie brutal die Täter vorgingen, zeigt der Überfall auf das Haus Gänsbacherstraße 5 im Saggen nach halb drei Uhr in der Früh. SS-Hauptsturmführer Hans Aichinger eilt mit seinen SS-Männern in Zivilkleidung in die Villa, wo Edith und Wilhelm Bauer mit ihrer Tochter Eva im Parterre, Richard und Margarethe Graubart mit ihrer vierjährigen Tochter Vera im ersten Stock wohnen. Sie steigen über den Zaun in den Garten, läuten und schreien: „Gestapo. Sofort aufmachen, Hausdurchsuchung!" Aichinger teilt die Mordgruppe. Ein Trupp stürmt zu Richard Graubart, der andere reißt Wilhelm Bauer aus dem Schlaf. Nur notdürftig bekleidet, öffnet dieser die Tür. Die SS-Männer zerren ihn in den Gang und traktieren ihn mit Pistolenhieben. Ein SS-Mann hält Edith Bauer im Schlafzimmer fest. Währenddessen stechen die anderen auf das Opfer ein, bis es regungslos liegen bleibt. Dann verlassen die SS-Schergen das Haus. Doch Franz Dobringer kehrt zurück und versetzt Bauer mit seinem Dolch, den der Wahlspruch „Meine Ehre heißt Treue" ziert, einen weiteren Hieb. Als sie einen fürchterlichen Schrei hört, läuft Edith Bauer trotz der auf sie gerichteten Pistole ihres Bewachers Robert Huttig zu ihrem blutüberströmten Mann. Er ist noch bei Bewusstsein, bittet um einen Arzt. Seine Ehefrau rennt zum Telefon, der SS-Mann hinterher. Mit letzter Kraft beschwört ihn Wilhelm Bauer: „Sie wollen doch einer Frau nichts tun." Huttig begnügt sich damit, das Telefonkabel aus der Wand zu reißen, dann macht er sich mit einem Sprung aus dem Fenster davon. Wilhelm Bauer stirbt auf dem Transport in die Klinik.

Im ersten Stock des Hauses erkennt Richard Graubart einen der Eindringlinge. Er ruft: „Herr Bisjak, Herr Bisjak, ich habe Ihnen doch nichts getan." Daraufhin rammt ihm Benno Bisjak (oder Rudolf Exner) seinen SS-Dolch in die Herzgegend. „Ich höre immer noch, wie mein Vater plötzlich gellend aufschreit", erinnert sich Vera Graubart Jahrzehnte nach dem feigen Mord.

Viele sahen weg

„Falls Juden bei dieser Aktion keinen Schaden erlitten haben, dürfte dies darauf zurückzuführen sein, daß sie übersehen wurden", stellt ein Bericht des Tiroler Sicherheitsdienstes der SS fest.

Univ.-Doz. Mag. Dr. Horst Schreiber. Der Historiker ist Leiter von erinnern.at Tirol. (horst.schreiber@uibk.ac.at)
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Die Gewalttaten waren straff organisiert, von einer „kochenden Volksseele" kann keine Rede sein. Die Bevölkerung war an den blutigen Ausschreitungen nicht beteiligt. Doch viele sahen weg, verweigerten ihren Nachbarn Hilfe; einige spotteten schadenfroh oder ergötzten sich lustvoll am Leid der Gequälten. Die katholische Kirche schwieg. Immerhin: Vereinzelt zeigten Innsbrucker kleine Zeichen menschlicher Anteilnahme, im Ausnahmefall auch Mut. Ein Arzt blieb in der Wohnung eines Opfers und verhinderte so seine Verhaftung.

Das Morden hatte eine praktische Seite für kleine und große Tiroler Nazis. Gauleiter Franz Hofer schnappte sich die Villa von Hugo Schindler am Rennweg 10, die SS die Villa in der Gänsbacherstraße 4.

In die Wohnungen der Ermordeten in der Gänsbacherstraße 5 zogen Edmund Christoph, Tiroler Gauleiter in der illegalen Zeit der NSDAP, und Otto Wurmhöringer, Generaldirektor der Stadtwerke, ein.

In der Innsbrucker Kaufmannschaft, unter den Gewerbetreibenden und den Parteimitgliedern tobte der Kampf um die Verteilung jüdischen Besitzes.

Ziel des Novemberpogroms war die Beraubung der jüdischen Bevölkerung und ihre Vertreibung. Zwei Tage nach den Ausschreitungen schrieb die Innsbrucker Deutsche Volkszeitung: „Der Reinigungsprozeß hat seit der Machtübernahme schon bedeutende Fortschritte gemacht. Daß er durch die jüngsten Ereignisse mit Macht vorangetrieben und beschleunigt wird und die letzten rassefremden Reste bald ganz verschwinden werden, kann uns nur erwünscht sein."

Bis 31. März 1939 mussten die Tiroler Juden und Jüdinnen auf Befehl von Gestapochef Wilhelm Harster nach Wien übersiedeln. „In diesen für mich unvergesslich bleibenden Tagen hatten wir nur einen Gedanken — fort aus diesem Land, wo man mir nicht nur nach dem Eigentum, sondern auch nach meinem und meiner Familie Leben trachtete." So fasste Richard Schwarz die Zwangslage seiner Familie zusammen.

Keiner will sie haben

Eine Konferenz von 32 Staaten im französischen Evian scheiterte damals an der mangelnden Bereitschaft, mittellose Flüchtlinge aufzunehmen. Entweder mangelte es ihnen in den Augen der Regierungen an Wert, weil sie arm waren oder zu alt und weil sie über die falschen beruflichen Qualifikationen verfügten. Oder sie wurden aus rassistischen Gründen abgelehnt, eben weil sie jüdisch waren. Ernst Schwarz setzte alles in Bewegung, um Innsbruck zu verlassen und ein Aufnahmeland für sich und seine beiden Kinder ausfindig zu machen. Doch sein Schicksal als Flüchtling deprimierte ihn: „Wenn ich nach England gehen sollte, bin ich doch ein Fremder, ein Emigrant wie Tausende und Abertausende. Mißtrauisch und abgeneigt gegen Einwanderer, in denen man nur Schmarotzer sieht."