Letztes Update am So, 11.11.2018 07:22

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


80. Jahrestag

Novemberpogrom: „Innsbruck hat zugeschaut“

Der Novemberpogrom 1938 war in Innsbruck besonders grausam. Gestern wurde gemeinsam dieser dunklen Stunden der Tiroler Geschichte gedacht.

© Foto TT / Rudy De MoorGünther Lieder, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Tirol.



Innsbruck – „Innsbruck hat bei den Gräueltaten zugeschaut. Die Opferbilanz war gemessen an den Einwohnern am schrecklichsten“, sagte Günter Lieder, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde für Tirol und Vorarlberg, am Beginn der reich besuchten Gedenkveranstaltung im Landhaus und bat, zwischen den Beiträgen des Erinnerns und der Filmvorführungen auf Applaus zu verzichten.

In der Nacht auf den 10. November 1938 stürmten 90 Mitglieder von SS, SA und des Nationalsozialistischen Kraftfahrkorps auf Befehl von Gauleiter Franz Hofer mindestens 36 Wohnungen jüdischer Tiroler in Innsbruck. „Die Bilanz: Wilhelm Bauer, Richard Berger und Richard Graubart wurden brutal ermordet. Josef Adler erlag seinen Verletzungen“, berichtet Historikerin Franziska Niedrist. Über 30 weitere Juden wurden verletzt. Zwei aus Garmisch-Partenkirchen vertriebene Frauen begingen Selbstmord. Die Einrichtung der Synagoge wurde schwer beschädigt. Danach war die jüdische Bevölkerung vom Alltagsleben ausgeschlossen. Der Überlebende Richard Schwarz notierte, er habe in diesen Tagen nur einen Gedanken gehabt: Fort aus diesem Land.

Volle Zuschauerränge im Großen Festsaal des Tiroler Landhauses.
- Foto TT / Rudy De Moor

Opfer und Täter haben einen Namen

Die Zeithistoriker der Uni Innsbruck haben in den vergangenen Jahren intensive Forschungsarbeit geleistet. In ihren Beiträgen wurden Opfer wie Täter beim Namen genannt. „Die Mehrheit der Täter ist uns heute bekannt“, betont Historiker Nikolaus Hagen. „Die meisten wurden verurteilt, kamen aber wieder frei“. Wie Historikerin Ingrid Böhler ausführt, waren die Gräueltaten dieser Nacht, denen im Deutschen Reich Hunderte Menschen zum Opfer fielen und über tausend Gebetsäle verwüstet wurden, raffiniert inszeniert worden. Durch die Passivität der Bevölkerung in der „Reichskristallnacht“ wusste das NS-Regime, dass es „für den Judenhass freie Hand hatte“.

LH Günther Platter erklärt dazu: „Die wissenschaftliche Aufarbeitung dieser Ereignisse ist essentiell, um besser verstehen zu können, wie es zu einer derartigen Gewalteskalation kommen konnte.“ Nur so könne man dafür Sorge tragen, dass eine solche Unmenschlichkeit nicht mehr passiere.

„Verschworene Gemeinschaft wider das Vergessen“

Lieder schildert auch seine tiefgehenden Eindrücke von der dreitägigen Israelreise diese Woche, an der (wie die TT berichtete) Regierungsmitglieder, Bischof Hermann Glettler, Superintendent der evangelischen Kirche Tirols, Oliver Dantine, Günter Lieder und Historiker teilnahmen. „Das Erlebte hat aus uns eine verschworene Gemeinschaft wider das Vergessen gemacht“.

Landeshauptmann Günther Platter neben Bischof Hermann Glettler.
- Foto TT / Rudy De Moor

Am Ende der Veranstaltung trafen sich offizielle Teilnehmer und die Bevölkerung vor dem Pogromdenkmal, um gemeinsam zu beten und für eine Schweigeminute innezuhalten. (strosa)