Letztes Update am So, 16.12.2018 06:50

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Tirol

Klimawandel: „Alternativen zum Skifahren stärken“

Die intensive touristische Nutzung im alpinen Raum muss eingeschränkt werden, sagt Reinhold Christian, Vizepräsident des Umweltdachverbandes. Er war auf der Weltklimakonferenz in Katowice.

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Der alpine Raum ist besonders vom Klimawandel betroffen. Ist der Rückgang der Gletscher noch aufzuhalten?

Reinhold Christian: Leider nein. Die letzten Jahre zeigen uns: Der Rückgang der Gletscher kann nur gebremst werden durch äußerst entschlossene und rasche Maßnahmen bei Klimaschutz und Energiesparen. Die besonders ausgeprägten Hitzesommer und Rekord-Gletscherrückgänge in den Alpen müssen der Politik eine Mahnung sein, die Anstrengungen im Klimaschutz zu verdreifachen.

Welche Maßnahmen müssten zum Schutz der Gletscher dringend gesetzt werden?

Christian: Generell: Alles, was dem Klimaschutz dient. Spezifisch: eine Einschränkung der intensiven touristischen Nutzung statt der Ausweitung von Gletscherskigebieten. Der Verkehrssektor ist hier besonders gefordert (Tourismus, Güterverkehr per Lkw), aber auch ein rasches „Raus“ aus Ölheizungen und eine höhere thermische Sanierungsrate im Gebäudebestand. Zudem müssen wir uns von kontraproduktiven Subventionen und Steuergeschenken verabschieden, die den Verbrauch von Kohle, Öl und Gas belohnen, statt ihn zu bremsen.

Extrem heiße Sommer, extrem kalte Winter und heftige Regenfälle führen im sensiblen alpinen Raum immer häufiger zu Naturkatastrophen. Könnten diese noch größere Dimensionen annehmen?

Christian: Durch den veränderten Wasserhaushalt und die direkte Destabilisierung von Hochgebirgsregionen durch Auftauen des Permafrosts, Veränderungen bei den Blockgletschern und Abschmelzen der Gletscher werden Häufigkeit und Stärke von Muren und Felsstürzen zunehmen. Im Gegensatz zur Schweiz, wo für gefährdete Siedlungs- und Bewirtschaftungsräume ein genaues Monitoring besteht, gibt es in Österreich noch viel Handlungsbedarf.

Wir sind im Moment mitten in der für Tirol so wichtigen Wintertourismussaison. Zahlreiche Studien warnen davor, dass die Skigebiete in den Tallagen in Zukunft nicht mehr existieren werden. Stimmen Sie dem zu?

Christian: Grundsätzlich wird es gravierende Veränderungen in der Schneesicherheit geben. Mehr Südwest- und weniger Nordwestlagen können traditionell eher schneearme Gebiete wie in Osttirol sogar mit mehr Schnee versorgen als gewohnt. Weil „Schneesicherheit“ jedenfalls durch „Schneeunsicherheit“ abgelöst wird, ist es wichtig, den Tourismus im Winter zu diversifizieren, damit diese Frage an Bedeutung verliert.

Weniger natürlicher Schnee bedeutet mehr Beschneiung. Sind die Kosten dafür überhaupt finanzierbar?

Christian: Die Schmerzgrenze ist erreicht, das zeigen kräftige Nachfragerückgänge bei deutlich erhöhten Liftkartenpreisen. Ich stelle aber dieses „Muss“ genereller in Frage: Weniger oder weniger verlässlich eintreffender natürlicher Schnee sollte Anlass sein, Alternativangebote zum seilbahnintensiven Skifahren zu stärken, die auch mit weniger Schnee ein Erlebnis für Gäste bieten. Und da meine ich nicht die x-te Therme in jedem Tal, sondern naturnahe Tourismusformen, wie Bergsteigerdörfer und Co.

Das Land Tirol hat in der Tiroler Tageszeitung kritisiert, dass man mit dem Klimaplan des Bundes die EU-2030-Ziele nicht erreichen wird. Gleichzeitig gibt es in Tirol bundesweit aber noch die meisten Ölheizungen.

Christian: Ich halte Bund-Länder-Hickhack grundsätzlich für absolut nicht angebracht. Ja, Populismus der Bundesregierung wie Tempo 140 oder Industrie-Lobbydienste wie das Forcieren von Taxidrohnen sind klimapolitischer Unfug, den wir uns nicht leisten können, wenn wir der Klimaerhitzung gegensteuern und auch unseren Kindern und Enkeln Lebensqualität sichern wollen. Aber auch Tirol hat jüngst mit dem gescheiterten TSSP 2018 einen Bauchfleck hingelegt, und dass wieder nichts beim Tourismusverkehr weitergeht, ist klimapolitisch dramatisch. Tirol hat andererseits beim öffentlichen Verkehr einiges bewegt, bemüht sich, beim Lkw-Transit die Spielräume auszureizen, und hat auch beim Alpenschutz mit den Ruhegebieten einiges vorzuweisen. Aber gelingen wird die Klimawende nur, wenn alle gemeinsam die Ärmel aufkrempeln und jeder rasch seine Hausaufgaben macht.

Welche Maßnahmen gilt es dringend umzusetzen, um in den Alpen dem Klimawandel Einhalt zu gebieten?

Christian: 1. Die Erschließungsspirale im Wintertourismus zu durchbrechen, würde in vielerlei Hinsicht helfen. 2. „Raus aus Öl“ ist ein dringliches Thema. Und 3. der steuerliche Rahmen muss vom Verkehr – samt Flugverkehr! – bis zum Energie- und Wohnbereich passen und Klimaschutz belohnen statt wie derzeit bestrafen.

Das Interview führte Brigitte Warenski

Zur Person

Reinhold Christian: Der studierte Physiker war in seiner Funktion als Vizepräsident des Umweltdachverbandes auf der Weltklimakonferenz im polnischen Kattowitz. Christian ist zudem Umwelt-Management-Austria-Vorsitzender. Christian schrieb 1984 die erste Studie über Energieeffizienz in Österreich.