Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 19.01.2019


Innsbruck-Land

Streit um Schneeräumung im Venntal: Bauer denkt ans Wegziehen

Im Streit um die Schneeräumung im – derzeit unzugänglichen – Venntal zeichnet sich keine Einigung ab. Ein Landwirt, Besitzer der Jausenstation, kündigt nun an, den Hof aufzugeben.

Seit den massiven Schneefällen vor zwei Wochen (Bild) ist das Venntal von der Außenwelt abgeschnitten, nur ein einziger Bauer harrt dort noch aus. Wann die Zufahrt wieder aufgeht, ist derzeit noch unklar.

© TTSeit den massiven Schneefällen vor zwei Wochen (Bild) ist das Venntal von der Außenwelt abgeschnitten, nur ein einziger Bauer harrt dort noch aus. Wann die Zufahrt wieder aufgeht, ist derzeit noch unklar.



Von Michael Domanig

Gries am Brenner – Seit mittlerweile zwei Wochen ist das Venntal, ein abgeschiedenes Seitental des Wipptals, von der Außenwelt abgeschnitten. Wann die massiv verschneite Straße wieder passierbar sein wird, lasse sich derzeit noch nicht abschätzen, sagt Karl Mühlsteiger, Bürgermeister von Gries am Brenner. „Die Lawinenkommissionen beurteilen die Lage laufend neu, sobald es die Lawinensituation zulässt, wird der Schranken wieder geöffnet“, dann könne auch eine Räumung der Straße veranlasst werden. „Ein Erkundungsflug hat gezeigt, dass noch gewaltige Schneemengen auf den Gebirgskämmen lagern, wir müssen weiter sehr vorsichtig sein.“ Der Leiter der Grieser Lawinenkommission stehe jedenfalls in ständigem Austausch mit den Bewohnern.

„Ich erfrage und höre nichts“, meint dagegen Benjamin Kerschbaumer, Landwirt im Venntal und Betreiber der Jausenstation Venn. Er persönlich sehe die Gefahr inzwischen als gebannt an. Kerschbaumer befindet sich derzeit – mit 80 Ziegen und fünf Kühen – völlig allein im Tal, nachdem vier Bewohner am 9. Jänner per Hubschrauber ausgeflogen worden sind. Dass er zunehmend verzweifelt ist, liegt aber nicht nur an der aktuellen Extremsituation, sondern vor allem an der generellen Frage der Schneeräumung.

Wie berichtet, hat die Gemeinde Gries die Grundbesitzer im Venntal informiert, dass die Gemeinde künftig nicht mehr die gesamten Kosten für die Schneeräumung übernimmt. „Wir haben nie angeordnet, die Schneeräumung einzustellen oder zu reduzieren“, betont Mühlsteiger, „aber wir können die tendenziell jährlich steigenden Kosten nicht mehr zu 100 % tragen.“ Das „faire Angebot, die Hälfte der Kosten zu übernehmen, wie wir das auch bei den anderen Hütten und Jausenstationen machen“, stehe „für einen hundertprozentigen Privatweg, auf dem die Gemeinde nicht einmal ein Fahrrecht hat“. Im vorigen Winter fielen für die Räumung im Tal 8500 Euro an.

Die finanzielle Zusatzbelastung „bliebe an mir hängen und ist für mich nicht zu stemmen“, stellt Kerschbaumer erneut klar. Er habe schon beim Bau der öffentlichen Unterführung mitgezahlt, ebenso eine vollbiologische Kläranlage errichten müssen. Die Zufahrt – auch für Ärzte und Tierärzte sowie die Warenanlieferung – müsse von der Gemeinde gesichert werden.

Eine Übernahme der Privatstraße durch die Gemeinde und Erschließung der Höfe ist schon seit Langem Thema. „Die Gemeinde versucht seit 30 Jahren, da einen öffentlichen Weg hinzubekommen“, sagt Mühlsteiger. Das sei „stets daran gescheitert, dass die Eigentümer uneins waren. Wenn nur einer nicht zustimmt, ist es nicht durchzubringen.“

„Ich war immer für eine Erschließung der Vennhöfe“, kontert Kerschbaumer. „Ich möchte das seit 1997 und habe mindestens fünf Anträge gestellt.“ Den letzten Antrag auf Hoferschließung bzw. Bildung einer öffentlichen Straßeninteressentschaft habe die Gemeinde 2014 abgelehnt.

Da er laut einem Gerichtsbeschluss berechtigt sei, auch für einen weiteren Landwirt zu sprechen und zu unterschreiben, gebe es lediglich eine Eigentümergemeinschaft, die kein Interesse an einer Erschließung habe, sagt Kerschbaumer. „Und es kann doch nicht sein, dass auswärtige Besitzer, die nur im Sommer da sind und daher kein Interesse an einem öffentlichen Weg haben, eine Lösung verhindern können.“

Mühlsteigers Vergleich mit Straßen zur Sattelbergalm oder Nösslachhütte sei unzulässig, ergänzt der Landwirt. Die dortigen gastronomischen Betriebe seien „in diesem Sinn keine Hauptwohnsitze und schon gar keine existenziellen Hofstellen“. Es gehe hier „auch um eine Frage der Menschlichkeit und der Absicherung für zwei Familien“, sagt er. „Wenn man uns vernichten will, ist das der richtige Weg.“

Von der Politik – auch von der Landesregierung, an die er sich per Mail gewandt hat – fühlt sich Kerschbaumer im Stich gelassen, „allen Lippenbekenntnissen zur Erhaltung des ländlichen Raumes zum Trotz“. Er mache sich auch keine großen Hoffnungen mehr: „Wir lassen jetzt den Winter herumgehen, dann sind wir weg und geben die Hofstelle auf, so weh das auch tut.“ Er sei schon auf der Suche nach einem Hof in Südtirol.

„Herr Kerschbaumer hat uns immer wieder mitgeteilt, dass er absiedeln will“, sagt Mühlsteiger. „Bis jetzt ist er geblieben – und das ist gut so.“

Sollte es einen Antrag im Gemeinderat geben, werde man die Frage der Schneeräumung dort natürlich noch einmal behandeln, fügt er hinzu. Bis jetzt liege ihm aber kein solcher Antrag vor.