Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 29.01.2019


Exklusiv

Debatte um Abmeldungen vom Religionsunterricht: Ethik kein Ersatz

NEOS-Vorstoß findet bei VP, SP und FP keinen Anklang. Religionspädagoge ortet hinter hohen Abmeldezahlen islamischer Schüler indes vielfältige Gründe.

Unter islamischen Schülern sind die Abmeldezahlen vom Religionsunterricht hoch.

© dpaUnter islamischen Schülern sind die Abmeldezahlen vom Religionsunterricht hoch.



Von Manfred Mitterwachauer

Innsbruck – 4814 Pflichtschülerinnen und Schüler haben sich im heurigen Schuljahr vom konfessionellen Religionsunterricht in Tirol befreien lassen. Wie berichtet, betrifft mit 2650 Fällen bereits mehr als jede zweite Abmeldung ein Kind mit islamischem Glauben. Zekirija Sejdini führt das auf gleich mehrere Ursachen zurück. Er leitet an der Uni Innsbruck das Institut für Islamische Theologie und Religionspädagogik. Aus seiner früheren Tätigkeit als Fachinspektor für den islamischen Religionsunterricht wisse er, dass oft schulorganisatorische Gründe eine zentrale Rolle für Abmeldungen spielen würden. Kriterien seien hier, ob der Unterricht am Vor- oder Nachmittag bzw. ob selbiger an der eigenen Schule überhaupt angeboten wird.

Hinzu kämen aber auch inhaltliche Gründe, wie Sejdini gegenüber der TT mit Verweis auf eine institutsinterne Studie aus dem Jahr 2014 mit abgemeldeten Schülern bestätigt: „Der Religionsunterricht wird als einseitig, stofforientiert und zu stark am Moscheeunterricht ausgerichtet wahrgenommen.“ Die hohe Austrittsquote sieht der Wissenschafter weder als Gefahr noch als Garant für eine positive Integration in die Gesellschaft: „Dennoch können dadurch SchülerInnen, die sich vom islamischen Religionsunterricht abmelden, wichtige integrationsrelevante Kompetenzen fehlen.“

Dass abgemeldete Schüler Ethikunterricht erhalten sollen, begrüßt Sejdini, dies sollte jedoch nicht in Form eines Ersatzes zum konfessionellen Religionsunterricht erfolgen: „Das fände ich kontraproduktiv.“ Doch auch der Religionsunterricht müsse an gegenwärtige Bedürfnisse angepasst werden.

Die Einführung eines überkonfessionellen Ethik- und Religionenunterrichts anstelle des konfessionellen fordern die NEOS. Damit stehen sie in Tirol allein da. Religion sei „ein integraler Bestandteil unserer Kultur“, lehnt VP-Klubobmann Jakob Wolf die Abschaffung klar ab. Das NEOS-Bild dieses Unterrichtsfachs entspreche nicht mehr der Wirklichkeit, so Wolf: „Konfessioneller Unterricht ist heute kein Auswendiglernen von Bibelzitaten, sondern eine intensive Zeit der Wertevermittlung.“

Die SPÖ wiederum steht zum Ethikunterricht als fixes Schulfach. Dieses soll aber für alle Schüler verpflichtend sein – unabhängig davon, ob ein Religionsunterricht besucht wird oder nicht. Jedoch fordert Bildungssprecher LA Benedikt Lentsch speziell ausgebildete Lehrer ein: „Das darf nicht irgendwie passieren, sondern sollte auf Basis eines Lehramtsstudiums beruhen.“

Nicht in Frage stellen will FP-Klubchef Markus Abwerz­ger den herkömmlichen Religionsunterricht. Wie Türkis-Blau im Bund stehe man aber zu einem verpflichtenden Ethikunterricht für religionsabgemeldete Schüler.