Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 30.01.2019


Exklusiv

Tirol Kliniken lehnen Reform der Ärztearbeitszeit ab

Für Holding-Vorstand Deflorian ist Ministeriumsvorschlag nicht umsetzbar. AK-Studie: Arbeitsklima in Gesundheitsberufen unterdurchschnittlich.

Die Belastung in Gesundheits- und Pflegeberufen ist enorm. Verbesserungen werden gefordert, Änderungen beim Arbeitszeitgesetz abgelehnt.

© Thomas BöhmDie Belastung in Gesundheits- und Pflegeberufen ist enorm. Verbesserungen werden gefordert, Änderungen beim Arbeitszeitgesetz abgelehnt.



Innsbruck – Arbeiterkammerpräsident Erwin Zangerl kann mit der vom Gesundheitsministerium geplanten Änderung des Arbeitszeitgesetzes für Spitalsärzte nichts anfangen. „Diese Maßnahme ist klar abzulehnen“, sagt Zangerl und untermauert das mit einer gestern veröffentlichten Studie über das Arbeitsumfeld im Tiroler Pflege- und Gesundheitswesen. „Sie offenbart enormes Verbesserungspotenzial und massiven Handlungsbedarf“, verweist der AK-Chef darauf, dass der Arbeitsklima-Index mit 62 Punkten um rund zehn Punkt­e unter jenen aller Beschäftigten liegt.

Was hat es nun mit den möglichen Änderungen des Spitalsärzte-Arbeitszeitgesetzes auf sich? Am 17. Oktober des Vorjahres fand eine Besprechung von Gesundheitsministerin Beate Hartinger-Klein (FPÖ) mit den Vertretern der Länder, der Ärztekammer und Betreibern der Krankenhäuser statt. Ein Formulierungsvorschlag mit den gesetzlichen Neuerungen wurde vom Gesundheitsministerium versandt. Die Ruhezeiten nach Bereitschaftsdiensten sollen von elf auf fünf Stunde­n verkürzt, gleichzeitig eine 1,5-fache „Ausgleichsruhe“ zugestanden werden.

Der Vorstand der Tirol Kliniken Stefan Deflorian spricht von „nicht administrierbaren Regelungen“. Seine Position ist klar: Der vorliegende Gesetzesentwurf entspreche nicht den Vorstellungen der Tirol Kliniken. Gleichzeitig spricht sich Deflorian dafür aus, dass die „Opt-out“-Regelung für Spitalsärzte, die mit ihrer Zustimmung länger als 48 Stunden pro Woche arbeiten wollen, über Mitte 2021 hinaus verlängert wird. Von einem Auslaufen der Übergangsregelung hält er nichts. Auch Betriebsvereinbarungen müssten laut Deflorian weiter möglich sein.

So weit, so gut: Die Arbeiterkammer sorgt sich indes um die Beschäftigten in den Gesundheitsberufen. Das Institut für empirische Sozialforschung IFES hat dazu eine Befragung gestartet, die Rücklaufquote betrug 22 Prozent. 5761 von 26.282 Mitarbeitern in Tirol haben daran teilgenommen. Vor allem die groß­e Verantwortung belastet: 35 Prozent fühlen sich dadurch stark, 25 Prozent sehr und 17 Prozent belastet. Weitere besonders belastende Faktoren sind laut der AK-Studie Zeitdruck, seelisch belastende und aufreibende Arbeit sowie ständiger Arbeitsdruck ohne Zeit zu verschnaufen.

Das alles hat auch gesundheitliche Folgen. So klagen 57 Prozent über Muskelverspannungen im Nacken- und Schulterbereich, 54 Prozent über Kreuzschmerzen bzw. Probleme mit dem Rücken, 41 Prozent über Erschöpfung oder Niedergeschlagenheit sowie 39 Prozent über Einschlaf- und Durchschlafstörungen. Obwohl 81 Prozent der Ärzte, Pfleger, Assistentinnen oder Angestellten im Rettungsdienst mit der Art und dem Inhalt ihrer Tätigkeit sehr zufrieden bzw. zufrieden sind, ist es für 38 Prozent eher und für 16 Prozent sehr unwahrscheinlich, dass sie ihre Tätigkeit im Gesundheitsbereich bis zur Pension noch ausüben können.

Für Zangerl sind die Schlussfolgerungen aus der Studie klar: „Es braucht gesunde und faire Arbeitsbedingungen, wie bessere gesetzliche Rahmenbedingungen etwa bei den Arbeitszeiten, entsprechend mehr Personal und verbindliche Vorgaben für den Nachtdienst.“ Gleichzeitig müsste die Pflege aufgewertet werden: „Für einen attraktiven Pflegeberuf ist eine faire Bezahlung unabdingbar“, betont Zangerl. Denn Pflege sei Schwerstarbeit. Für den AK-Präsidenten drückt sich die fehlende Wertschätzung für das Pflegepersonal im Einkommen aus. „Die AK fordert deshalb einen fairen Lohn und gerechte arbeitsrechtliche Rahmenbedingungen für alle Arbeitnehmer in den Gesundheits- und Pflege­berufen.“ (pn)