Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 13.03.2019


Innsbruck-Land

Krankenhaus-Schließung lässt Emotionen in Natters hochgehen

Das geplante Aus für den Krankenhausstandort Natters bewegt das Dorf. Bürgermeister wie Bevölkerung hoffen auf eine sinnvolle Nachnutzung.

Über 70 Jahre lang hat das Krankenhaus Natters das Dorf geprägt und über die Landesgrenzen hinaus bekannt gemacht. In der Bevölkerung herrscht vielfach Unverständnis über die geplante Schließung.

© DomanigÜber 70 Jahre lang hat das Krankenhaus Natters das Dorf geprägt und über die Landesgrenzen hinaus bekannt gemacht. In der Bevölkerung herrscht vielfach Unverständnis über die geplante Schließung.



Von Michael Domanig

und Marco Witting

Natters – Montag, 10 Uhr. Beim Natterer Bürgermeister Karl-Heinz Prinz läutet das Telefon. Am anderen Ende der Leitung: Gesundheitslandesrat Bernhard Tilg. Die schlechte Nachricht aus Innsbruck verbreitet sich schnell in Natters. Das Krankenhaus wird geschlossen. Tags darauf hängt Prinz wieder am Telefon. Medienanfragen, WhatsApp-Nachrichten und die Erkenntnis des Bürgermeisters: „Da raucht’s.“

Schon seit zehn bis zwölf Jahren habe es Diskussionen über die Zukunft des Krankenhauses gegeben. „Immer wenn etwas dazugebaut wurde, waren wir froh und haben es als Zeichen gesehen, dass es weitergeht“, sagt Prinz. Letztlich sei er dann jetzt schon „überrascht“ gewesen. Was jetzt bleibt, ist die Frage, wie es weitergeht. „Man hat mir gesagt, dass das Objekt eine Zukunft hat und das hat für uns natürlich oberste Priorität.“ Er hoffe jedenfalls, dass die Liegenschaft nicht verwertet wird, sondern hier wieder eine Gesundheitseinrichtung entsteht, sagt der Bürgermeister. „Es ist jetzt aber zu früh, um aus unserer Sicht sagen zu können, was da möglich wäre.“ Über 70 Jahre habe das Krankenhaus den Ort geprägt, über die Landesgrenzen hinaus Natters bekannt gemacht. „Wichtig ist, dass es für die Mitarbeiter weitergeht. Sehr viele Menschen aus unserer Gemeinde habe hier einen Arbeitsplatz gefunden.“ Das jetzige Aus würde das Dorf jedenfalls bewegen.

Dieser Eindruck bestätigt sich bei einem Lokalaugenschein im Dorf sofort – die Schließung emotionalisiert. „Es ist dann ein schwerer Schlag für den Ort, wenn es keine entsprechende Nachnutzung gibt“, meint ein Herr, der aus dem Unterland nach Natters zugezogen ist: „Gut vorstellbar“ wäre für ihn weiterhin eine Einrichtung mit Sozial- oder Gesundheitsbezug. „Die Lage und der Standort da oben sind wunderschön“, für Leute in der Phase der Gesundung „ideal“. Wie sich das Aus auf Wirtschaft und Sozialleben in Natters auswirken könnte? Das Krankenhauspersonal bemerke man seiner Erfahrung nach in den Geschäften und Cafés im Dorf wenig, meint der Natterer. „Eher, dass Besucher noch schnell beim Supermarkt oder der Bäckerei vorbeischauen.“

Die Frage der Nachnutzung ist auch für einen Innsbrucker, der sich unweit des Krankenhauses gerade die Joggingschuhe schnürt, entscheidend. Etwas „Gescheites“ müsse es sein, zum Beispiel eine schöne Seniorenresidenz „oder ein gemeinsames Projekt für Alt und Jung“.

Ein älterer Herr aus dem Außerfern ist gerade zum ersten Mal auf dem Weg Richtung Krankenhaus, er wurde für eine Untersuchung dorthin verwiesen. Eine Einrichtung für Lungenheilkunde sei „wohl besser in der freien Natur“ untergebracht, meint er. Andererseits sei es für viele Patienten „sicher angenehmer“, künftig nur noch nach Innsbruck fahren zu müssen – vor allem wenn sie, so wie er, mit den Öffis anreisen.

Für zwei Damen, die vor dem Nahversorger mit Café gegenüber vom Gemeindeamt sitzen, ist die Schließung unverständlich: „Man hat die Einrichtung damals ja extra wegen der guten Luft dort angesiedelt“, sagt die eine. Was das Einsparungspotenzial angeht, ist die Dame, die selbst im Gesundheitsbereich arbeitet, sehr skeptisch.

„Warum kann man nicht einmal etwas Bestehendes lassen?“, meint die zweite Dame. Natters würde damit nicht nur viele Arbeitsplätze verlieren, es gehe z. B. auch um die Frage der Mitarbeiterwohnungen: „Eine Freundin von mir arbeitet nicht nur dort, sondern wohnt auch am Areal.“

„Sch...“, lautet das knappe Urteil eines Natterers, der mit einer Gruppe von Herren bei einem Kaffee sitzt. Die Schließung sei ein „Schnellschuss“, über das Danach hätten die Verantwortlichen wohl noch wenig nachgedacht. Wie viel derartige Einsparungsversuche (bei Abgängen von insgesamt ca. 75,5 Mio. Euro im Spitalsbereich) bringen, sei für ihn ohnehin fraglich – zumal man damit auch bestehende Strukturen „kaputt“ mache. Für das ganze westliche Mittelgebirge sei das Krankenhaus ein wichtiger Arbeitgeber vor der Haustür gewesen. Und auch auf einer emotionalen Ebene finde er die Schließung „schade“: „Das Dorf Natters hat man immer mit dem Krankenhaus verbunden.“