Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 18.03.2019


Tirol

Missbrauch: Die vergessenen Mädchen von Martinsbühel

Im Erziehungsheim Martinsbühel litten auch Mädchen mit Behinderungen unter der Brutalität der Nonnen. Sie waren der Gewalt wehr- und schutzlos ausgesetzt und konnten bislang kein Zeugnis ablegen.

Das ehemalige Mädchenheim Martinsbühel in Zirl.

© Vanessa Rachlé / TTDas ehemalige Mädchenheim Martinsbühel in Zirl.



Innsbruck – Anfang März hat die vom Land Tirol eingesetzte Kommission über die Missbrauchsfälle im Mädchenerziehungsheim St. Martin in Zirl ihre Arbeit aufgenommen. Die Expertengruppe unter der Leitung der Psychotherapeutin Margret Aull sieht ihre Aufgabe vor allem in der Rekonstruktion und Analyse historisch-struktureller Zusammenhänge. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Frage nach Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten zwischen kirchlichen und staatlichen Stellen.

Erstmals muss auch der gesellschaftliche Umgang mit Menschen mit Behinderungen mitbeleuchtet werden. Gerade in Martinsbühel waren zugleich zahlreiche Mädchen und Frauen mit geistiger Behinderung untergebracht. Bis zu 200 behinderte und nicht behinderte Kinder „betreuten“ die Benediktinerinnen aus Scharnitz in Martinsbühel. „Da das Betreuungspersonal über keinerlei sozialpädagogische oder gar behindertenpädagogische Qualifikation verfügt hat, waren sich diese Mädchen in ihrer Beeinträchtigung selbst überlassen“, erklärt Aulls Innsbrucker Kollegin Ulrike Paul, die ehemalige Heimkinder von Martinsbühel betreut(e). Dadurch hätten die in Martinsbühel untergebrachten Menschen mit kognitiver/mentaler Beeinträchtigung natürlich keinerlei Förderung erhalten. „Das hat ihre Chancen auf Aneignung so genannter kultureller Fertigkeiten, Erwerb von Autonomie und somit auf ein einigermaßen selbstständiges und würdevolles Leben, ein gewisses Maß an Integration und Inklusion weitgehend be- und verhindert.“ Häufig waren die anderen Mädchen mit deren Betreuung und Versorgung betraut.

„Es geht darum, das Leid von Menschen mit geistiger Behinderung sichtbar zu machen, da diese ja häufig über keine eigene Stimme verfügen", sagt Ulrike Paul 
(Psychotherapeutin).
„Es geht darum, das Leid von Menschen mit geistiger Behinderung sichtbar zu machen, da diese ja häufig über keine eigene Stimme verfügen", sagt Ulrike Paul 
(Psychotherapeutin).
- Paul

Paul schildert, dass ehemalige Heimmädchen berichtet hätten, wie schockiert sie über deren Anblick waren. „Sie erinnern sich auch daran, wie lieblos und brutal die Mädchen mit Behinderung von den Nonnen behandelt worden sind, etwa beim Duschen. Es wurde ihnen, so schildert es ein ehemaliges Heimkind, grob an die Brüste gefasst.“

Eine Frau mit kognitiver Beeinträchtigung hat einige Zeit die von Psychotherapeutin Ulrike Paul begleitete Heimgruppe besucht. „Sie war meines Wissens bis zur Auflösung des Heimes in Martinsbühel untergebracht. Sämtliche anderen Ex-Martinsbühel-,Insassinnen‘ konnten sich an sie erinnern. Während die anderen das Heim irgendwann verlassen haben, musste sie weiterhin dort bleiben.“ Auf Veranlassung der Sachwalterin dieser Frau sei in diesem Fall eine Meldung an die Ombudsstelle der Diözese Innsbruck erfolgt.

Paul weist darauf hin, dass diese Mädchen diejenigen gewesen seien, „die völlig wehr- und schutzlos der in Martinsbühel herrschenden Gewalt ausgesetzt waren und die bislang noch kein Zeugnis ablegen konnten“. Soweit möglich, hätten auch die Mädchen mit Behinderung hart arbeiten müssen und seien somit ausgebeutet worden. Deshalb geht es darum, das Leid von Menschen mit geistiger Behinderung sichtbar zu machen, weil diese häufig über keine eigene Stimme verfügen bzw. sie nicht die Unterstützung erhalten würden, um gehört und gesehen zu werden. „Ein Angehöriger einer kognitiv beeinträchtigten Frau, die in Martinsbühel untergebracht war, hat sich bei mir gemeldet. Ihm ist es wichtig, dass das Heim aus diesem Blickwinkel ebenfalls betrachtet wird.“

Eine Aufgabe, der die Landeskommission offensichtlich nachkommen will. (pn)