Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 25.03.2019


Exklusiv

27 Prozent der kontrollierten Lkw mit auffälligen Werten

Die „AdBlue“-Studie des Landes liegt vor. Sie belegt, dass so mancher Lkw höhere Abgaswerte ausstößt, nicht aber den Verdacht auf Manipulation.

Das Harnstoff-Wasser-Gemisch „AdBlue“ muss eigens für das Abgasreinigungssystem getankt werden.

© imago stock&peopleDas Harnstoff-Wasser-Gemisch „AdBlue“ muss eigens für das Abgasreinigungssystem getankt werden.



Von Manfred Mitterwachauer

Innsbruck – Hellhörig war man im Landhaus durch Berichte aus Deutschland über vermutete „AdBlue“-Manipulationen bei modernen Lkw der Abgasklassen Euro V und VI geworden (siehe Faktbox). Um hier auch für das Transitland Tirol Klarheit zu bekommen, beauftragte das Land in Gestalt der Abteilung Verkehrsrecht im vergangenen Jahr das Institut für Umweltphysik der Universität Heidelberg mit einer diesbezüglichen Praxisstudie. Hierzu fanden dann vom 25. bis 29. Juni 2018 auf Abschnitten der Inntal- wie Brennerautobahn NOx-Messungen – mit Unterstützung der Polizei sowie der Abteilung Verkehrsrecht des Amtes der Tiroler Landesregierung – statt. Hierzu fuhr ein Messfahrzeug direkt hinter Lkw her, um deren Abgasfahne einzufangen und zu analysieren. Als Grenzwerte wurden die dementsprechenden Vorgaben gemäß Euro-Norm inklusive einer gewissen Toleranz angewandt.

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Obwohl die Abgaswerte von 215 Lkw gemessen wurden, waren nur die Ergebnisse von 185 verwertbar. Über alle Euro-Klassen verteilt ergab sich, dass 27 Prozent aller kontrollierten Lkw den Stickoxid-Emissionsgrenzwert (plus Toleranz) überschritten. Unterteilt taten dies 25 Prozent der Lkw der Klasse Euro VI und 35 Prozent der Euro-V-Norm. Und hierbei kommen die Studienautoren zu dem Schluss, dass durchschnittlich „der real gemessen­e NOx-Emissionswert bei diesen Euro-V-Fahrzeugen also auf dem Niveau eines Euro-II-Fahrzeuges und bei den Euro-VI-Fahrzeugen auf Niveau eines Euro-IV-Fahrzeuges liegt“.

Was den Ausgangsgrund für die Untersuchungen betrifft, heißt es in der Studie, dass „allein der hohe Anteil an Fahrzeugen, deren NOx-Emissionen über dem Grenzwert liegen, den Schluss zulässt, dass der Grund dafür die gezielte Manipulation der Abgasreinigungssysteme dieser Lkw sein könnte“. So wurde bei einem Lkw ein verdächtiges Bauteil gefunden, in einem anderen Fall läge der Verdacht auf einen softwaremäßigen Eingriff nahe. Identifiziert wurden auch „mehrere Logistikunternehmen, bei welchen mehrere Fahrzeuge durch zu hohe NOx-Emissionswerte aufgefallen sind, was auf systematische Manipulation der Abgasreinigungssysteme in diesen Unternehmen hindeuten könnte“. Einen konkreten Nachweis für Abgasmanipulation kann aber auch die Studie nicht liefern: „Dieser kann nur durch die intensive technische Kontrolle der einzelnen verdächtigen Lkw erbracht werden.“

„Die ‚Verdachtsmomente‘ sind zu wenig, um daraus eine nachweisbare Manipulation ableiten zu können.“
Ingrid Felipe 
(LHStv. Grüne)
„Die ‚Verdachtsmomente‘ sind zu wenig, um daraus eine nachweisbare Manipulation ableiten zu können.“ Ingrid Felipe 
(LHStv. Grüne)
- TT/Julia Hammerle

Ist nun das Ergebnis dieser Untersuchung der berühmte Schlag ins Wasser gewesen? Die für Verkehr zuständige LHStv. Ingrid Felipe (Grüne) will das so nicht unterschreiben: „Mit der AdBlue-Studie hat sich das Land einer noch eher unbekannten Verkehrsproblematik angenommen und das Thema Abgasmanipulation wissenschaftlich beforschen lassen.“ Immerhin sei Fakt, dass 27 Prozent der überprüften Lkw über eine nicht vollständig funktionierende Abgasanlage verfügen würden. Auch wenn „Verdachtsmomente“ naheliegen würden, so „sind diese zu wenig, um daraus eine nachweisbare Manipulation ableiten zu können“, bilanziert Felipe. Was fehle, sei die hierfür nötige ausgereifte und effiziente Prüftechnik inklusive Auswertungssoftware, um auch Manipulation gutachterlich und rechtlich einwandfrei nachweisen zu können. Diese Werkzeuge gelte es jetzt – auch in Kooperation mit dem Verkehrsministerium – zu entwickeln. Immerhin sei die Manipulation einer Abgasanlage ein „schwerer technischer Mangel“ und letztlich auch Steuer- wie Mautbetrug.

Auch der Leiter der Verkehrsrechtsabteilung, Bernhard Knapp, will österreichweit neue technische Kontrollmöglichkeiten forcieren: „Der Verdacht hat sich nicht erhärtet. Wir nehmen das Thema aber ernst.“