Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 26.03.2019


Bezirk Reutte

Der große Tausch der Grenzen in Reutte und Breitenwang

Bereinigung der Gemeindegrenzen: Breitenwang bekommt von Reutte 123.000 m², Reutte im Gegenzug 67.000 m². Beide macht der Deal happy.

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Von Helmut Mittermayr

Breitenwang, Reutte – Wählerverschiebungen zwischen Breitenwang und Reutte; Balkone, die die Gemeinden wechseln; Sprungschanze und See, deren Repatriierung Glück auslöst; Turbinen, die nun auf richtiger Seite das Wasser beuteln und ein imaginärer 100er als Richtmaß aller Abtretungen – die Gemeinden Reutte und Breitenwang sind gerade dabei, die Grenzen ihrer Katastralgemeinden im großen Stil zu bereinigen. Einstimmige Beschlüsse der Gemeinderäte sind erfolgt.

Die Verschränkungen der beiden Nachbarorte sind enorm, gerade auch, was die Katastralgrenzen betraf. So spielten die Breitenwanger Fußballer und Tennisspieler immer auf Reuttener Gemeindegrund. Breitenwang versorgte wiederum die auf Reuttener Grund liegenden Häuser auf der Hofmannshöhe mit Kanal, Wasser, Asphalt, Strom und Laternen. Der Parkplatz vor der Breitenwanger Kirche gehörte zu Reutte, die Schneeräumung hatte Breitenwang über.

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Bürgermeister Alois Oberer erklärte im Gemeinderat, dass eine Bereinigung absoluten Sinn mache, ihm aber wichtig war, dass alles „en bloc“ auf einen Schlag über die Bühne geht und nicht wie früher jeder Quadratmeter einzeln langwierig betrachtet werde. Mehrere große Grenzverschiebungen wurden nun beschlossen. Breitenwang ist der große „Gewinner“, was die Flächen betrifft, und bekommt 123.000 m² dazu, die Reutte abgibt. Die Marktgemeinde erhält dafür 67.000 m² vom Nachbarn. Mit der EWR-Zentrale am Abfluss der Stui­benfälle sichert sich Reutte dafür die Heimholung eines Hauptstromproduktions­standortes wie auch Kommunalsteuerbringers. Denn hier hat Reutte die Nase vorn. Die „Zentrale“ bringt ein Plus von jährlich 22.000 Euro in Reuttes Kassen. Breitenwang ist nun nicht nur Besitzer der Musteralm, sondern hat die Alpe nun auch innerhalb ihrer KG-Grenzen, was ein Einnahmeplus von 3000 Euro ausmacht – oder ein saldiertes Minus von 19.000 € gegenüber Reutte.

Reuttes Vizebürgermeister Klaus Schimana, dessen VP-Fraktion die Änderungen gerne mitträgt, verortet den Tausch im Instinktiven: „Was nun zu Breitenwang kommt, war gefühlt immer schon in Breitenwang. Und die Zentrale gefühlt immer schon in Reutte.“ Bürgermeister Oberer diskutiert den Abtausch unter dem Ansatz, dass gut ist, was Sinn macht, ohne dabei kleinlich zu sein. Die effektiven Lebenswelten der Menschen müssten berücksichtigt werden.

Breitenwangs Dorfchef Hanspeter Wagner betont gleich wie sein Reuttener Pendant die gute Gesprächsbasis, die zwischen den Gemeinden und vor allem auch den Bürgermeistern herrsche. Anders wäre der Deal nicht möglich gewesen. Ihn freut unter anderem, dass die Breitenwanger Sportanlagen nun endlich in der eigenen Gemeinde angesiedelt sind. Einziger Wermutstropfen bleibt für Wagner der so genannte Todeslift, ein kleiner Bügellift – im Schimana’schen Sinn gefühlt eindeutig Breitenwang – am Sintenbichl, der bei Reutte bleiben wird. „Aber man kann nicht alles haben“, sagt BM Wagner.

Für Alois Oberer war hingegen die Zahl 100 von größter Bedeutung. Da der Markt bei dem Geschäft weit mehr Fläche abgibt, als er bekommt, wollte er nicht als jener Bürgermeister in die Annalen eingehen, unter dem die Gesamtfläche des Bezirkshauptortes unter 100 km² gefallen ist. 100,84 verbleiben.