Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 05.04.2019


Osttirol

Notarztverband Osttirol: „Die Versorgung ist das Wichtigste“

Die Ärztekammer geht derzeit in einem Disziplinarverfahren gegen den Notarztverband-Osttirol-Obmann Gernot Walder vor. Der Direktor der Tiroler Gebietskrankenkasse spricht sich gegen Alleingänge aus.

Ordinationen am Land wie hier jene in St. Jakob in Defereggen könnten in Zukunft vermehrt als Gemeinschaftspraxen betrieben werden.

© LadstätterOrdinationen am Land wie hier jene in St. Jakob in Defereggen könnten in Zukunft vermehrt als Gemeinschaftspraxen betrieben werden.



Matrei, St Jakob, Außervillgraten — Um den Notarztverband Osttirol ist ein Konflikt entbrannt. Die Tiroler Ärztekammer geht derzeit gegen dessen Obmann Gernot Walder in einem Disziplinarverfahren vor. Walder wird unter anderem vorgeworfen, er habe Notärzte im Verband Dienst machen lassen, die in Österreich (noch) keine Zulassung besaßen. Die Kammer hat Walder die Kompetenz zur Einteilung der WochenendNotarztdienste entzogen. Seine Verbandskollegen stellten sich hinter den Mediziner. Neben der Ärztekammer und dem Land Tirol ist die Tiroler Gebietskrankenkasse TGKK eine dritte Instanz, die für die ärztliche Versorgung zuständig ist. Deren Direktor Arno Melitopulos betont diesen Auftrag als oberstes Ziel aller.

Herr Direktor, warum besteht im Land ein solches Interesse am Notarztverband Osttirol, der seit 2011 die notärztliche Versorgung im gesamten Bezirk mit Ausnahme des Lienzer Talbodens leistet?

Arno Melitopulos: Es gibt eine Landtagsentschließung, nach der Osttirol zur Pilotregion für die Einrichtung von Primärversorgungszentren werden soll. Dazu waren im Vorjahr zweimal Vertreter des Landes, der Gebietskrankenkasse und der Ärztekammer im Bezirk, um mit den Vertragsärzten und fast allen Bürgermeistern vor Ort Gespräche zu führen.

Es scheinen sich bis heute nicht alle einig darüber zu sein, wie bestehende Strukturen, etwa der Verein Notarztverband, in neue umgebaut oder übergeführt werden könnten.

Melitopulos: Das stimmt. Zudem ist die Welt im Gesundheitswesen ziemlich kompliziert. Die Kompetenzen und Verantwortlichkeiten für die medizinische Versorgung liegen in verschiedenen Händen. Man stelle sich eine Pyramide vor. Die Spitze bildet die Notarztthematik unter der Woche. Die Verantwortung dafür liegt beim Land, das auch die Verträge dazu schließt. Den Mittelbau machen die Bereitschafts-Notdienste für die Wochenenden aus, mit der Ärztekammer als verantwortlicher Instanz. Die breite Basis der Pyramide liegt bei den niedergelassenen Medizinern, den klassischen Hausärzten.

Genau für diesen Bereich sind heute kaum junge Ärzte zu begeistern. Es herrscht ein Mangel an Landärzten?

Melitopulos: Das ist mit ein Grund, warum die medizinische Versorgung am Land neue Organisationsformen nötig macht. Den einen Hausarzt, der das ganze Jahr hindurch Tag und Nacht Rufbereitschaft hat und Sommer wie Winter weite Strecken zurücklegt, den gibt es nicht mehr.

Wie schätzen Sie die Situation in Osttirol ein, speziell im hinteren Iseltal, wo um den Notarztverband Osttirol ein Konflikt ausgebrochen ist?

Melitopulos: Der Großraum Matrei gestaltet sich seit Jahren spannend, sagen wir es so. Bürgermeister Köll ist extrem umtriebig. Generell kann ich sagen, dass es nur ein Fortkommen gibt, wenn alle Ebenen gemeinsam die Dinge besprechen. Einzelne, die einfach davonziehen und nur ihre Zielvorstellung umgesetzt sehen wollen, das geht nicht.

In anderen Tiroler Regionen gelingt das Gemeinsame?

Melitopulos: Im Außerfern funktioniert das ganz klaglos. Im Lechtal wurde es wegen einer Erkrankung kurzzeitig eng.

Sie waren letztes Jahr persönlich in Matrei, als Bürgermeister Andreas Köll sein beim Heliport geplantes Primärversorgungs- und Notarztzentrum präsentierte. In Matrei besteht seit 20 Jahren das Ärztezentrum MAZ von Cornelia Trojer. Der Notarztverband von Gernot Walder zeichnet seit 2011 für die notärztliche Versorgung verantwortlich. Werden dort nicht Parallelstrukturen geschaffen?

Melitopulos: Es sollte allen Beteiligten um die bestmögliche ärztliche Versorgung gehen. Mit dem zuständigen Gesundheitslandesrat Bernhard Tilg bin ich einig, dass wir für die Erreichung dieses Zieles arbeiten und Alleingänge ablehnen. Wir führen weiter Gespräche und wollen Ruhe hineinbringen.

Ihre Einschätzung zum disziplinarrechtlichen Verfahren der Ärztekammer gegen Gernot Walder?

Melitopulos: Ich schätze Gernot Walder, seine persönliche Motivation und die Leistungen des Verbandes. Organisatorische Dinge betreffen uns als Versicherungsträger jedoch nicht. Walder rennt für das Richtige. Es gilt, eine rechtskonforme Organisation für die medizinische Versorgung zu schaffen. Ich persönlich halte auch nicht viel davon, den Formalismus über den Inhalt zu stellen. Wir freuen uns über Vorschläge aus Osttirol.

Von wem ist das Verfahren Ihrer Einschätzung nach ausgegangen?

Melitopulos: Nicht von der Tiroler Gebietskrankenkasse. Wir haben versucht, den Verband um Gernot Walder in einem teilweise rechtsfreien Raum zu unterstützen. Juristisch hat die Ärztekammer in ihren Punkten vermutlich Recht, sonst würde sie das Verfahren nicht anstrengen.

Das Interview führte Christoph Blassnig

Arno Melitopulos: Seit 1. August 2011 Direktor der Tiroler Gebietskrankenkasse TGKK. Der gebürtige Innsbrucker und promovierte Jurist war zuvor Geschäftsführer der Gesundheit Österreich GmbH.
Arno Melitopulos: Seit 1. August 2011 Direktor der Tiroler Gebietskrankenkasse TGKK. Der gebürtige Innsbrucker und promovierte Jurist war zuvor Geschäftsführer der Gesundheit Österreich GmbH.
- TGKK