Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 03.05.2019


Exklusiv

Tiroler Spitalsreform: Eingliederung könnte 70 Millionen Euro kosten

Ärztekammerpräsident Artur Wechselberger kritisiert den stümperhaft aufgesetzten Prozess für die Spitalsreform in Tirol.

Tilg (l.) sieht Spitalsreform nicht gefährdet, Wechselberger übt hingegen scharfe Kritik an der Vorgangsweise.

© HammerleTilg (l.) sieht Spitalsreform nicht gefährdet, Wechselberger übt hingegen scharfe Kritik an der Vorgangsweise.



Von Peter Nindler

Innsbruck – 40 Vorhaben sind für die verbesserte Aufgaben- und Angebotsabstimmung in den vier Landes- und sechs Bezirksspitälern vorgesehen. Für das Landeskrankenhaus Natters mit seiner Lungenheilkunde und Inneren Medizin werden die Gespräche allerdings neu aufgesetzt. Ursprünglich war eine Eingliederung in die Klinik Innsbruck und in das kriselnde Landeskrankenhaus Hall geplant. Nicht nur wegen flächendeckender Proteste mit 30.000 Unterschriften für den Erhalt von Natters wurde das Vorhaben vorläufig gestoppt. Von der Arbeiter- bis zur Ärztekammer haben sich nämlich auch maßgebliche Interessenvertreter gegen die Schließung ausgesprochen.

Außerdem gibt es für die Umschichtung von 70 Betten nach Innsbruck erst vage Raumpläne. Wenn überhaupt. Zwar wird die Integration von den Tirol Kliniken als medizinisch sinnvoll bezeichnet, doch eine Überprüfung der wirtschaftlichen Konsequenzen einer Eingliederung der Lungenheilkunde von Natters in die Klinik bzw. der Inneren Medizin in das LKH Hall liegt noch nicht vor. Deshalb ist die Landesregierung ziemlich sauer auf die Geschäftsführung der Tirol Kliniken. Überschlagsmäßig werden hinter vorgehaltener Hand jedoch Kosten für bauliche und strukturelle Maßnahmen in Höhe von 70 Millionen Euro kolportiert; an beiden Standorten jeweils rund 35 Mio. Euro. Bei diesen Summen kann das Land Tirol sicher nicht mit, wie es heißt.

Wie geht es aber jetzt mit der Spitalsreform weiter, schließlich rückt Gesundheitslandesrat Bernhard Tilg (ÖVP) auch von der angedachten Auflösung der Kinderstation im St. Johanner Krankenhaus ab. Wird die angedachte Reform ausgehöhlt? „Nein“, sagt Tilg gegenüber der TT, weil die Herangehensweise in den anderen Spitälern durchaus von einem Reformwillen geprägt sei. „Es wird eben eine Reform der zwei Geschwindigkeiten, Natters benötigt noch mehr Zeit.“ Eine Spitalsreform mache nur im Konsens Sinn. Tilg: „Zuletzt habe ich erkennen müssen, dass dieser in Natters noch nicht vorhanden ist.“

Eine Arbeitsgruppe mit dem Betriebsrat soll nun eine Lösung ausarbeiten. Bekanntlich forciert das Land eine Landespflegeklinik, doch ein Aus für die Lungenheilkunde dürfte wohl vom Tisch sein. „Das Konzept für Natters wird erst in mehreren Monaten fertig sein“, kündigt Tilg an. Doch für 39 von 40 Reformvorschlägen ist er optimistisch, dass sie noch im Juli von der Landes­zielsteuerungskommission beschlossen werden.

Kein gutes Zeugnis stellt indessen Ärztekammerpräsident Artur Wechselberger der Reorganisation im Spitalswesen aus. „Natürlich braucht es Reformen, eine bessere Koordinierung und eine Reduktion der Akutbetten. Doch der Prozess war stümperhaft aufgesetzt.“ Für ihn besteht nicht einmal eine medizinische Notwendigkeit für eine Verlegung der Lungenheilkunde von Natters nach Innsbruck. „Die Abteilung und die Ausbildung funktionieren hervorragend“, betont Wechselberger. Gehe es um eine bessere Ausbildung in Innsbruck, so könne man ja einen Ausbildungsverbund mit Natters eingehen.

Generell wurde für den Ärztekammerpräsidenten das Pferd von hinten aufgezäumt. „Bevor zentrale finanzielle und strukturelle Fragen geklärt, die möglichen Sparpotenziale ausgelotet, Organisationsformen festgelegt und vielleicht auch Mehrkosten in der Übergangsphase einkalkuliert wurden, hat das Land bereits die Verlegung angekündigt.“ Das könne nicht gutgehen, meint Wechselberger abschließend.