Letztes Update am Mo, 06.05.2019 09:58

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Exklusiv

Armut in Tirol: Wenn das Einkommen nicht zum Auskommen reicht

124.785 Personen sind in Tirol armutsgefährdet, darunter rund 27.590 trotz Vollzeitbeschäftigung. Soziallandesrätin Fischer warnt: „Kann jeden treffen“.

Der Armutsbericht des Landes zeigt auf, wo es wem an was fehlt.

© iStockDer Armutsbericht des Landes zeigt auf, wo es wem an was fehlt.



Innsbruck – 14.353 Euro netto. Wer dieses Schwelleneinkommen im Jahr nicht erreichen kann, gilt in Tirol als armutsgefährdet. Das sind im Land im Schnitt 124.785 Personen (rd. 16 %), wie jetzt dem aktuellen Bericht „Armut und soziale Eingliederung in Tirol“ zu entnehmen ist. Somit ist jeder Sechste in Tirol potenziell von Armut bedroht.

Die Statistikabteilung im Amt der Tiroler Landesregierung hat diese Zahlen anhand des Datenmaterials der Statistik Austria im Zuge der Erhebung von Einkommen und Lebensbedingungen von Privathaushalten in Europa (EU-SILC) für den Zeitraum 2015–2017 herausgerechnet. Der Durchschnitt über drei Jahre wird bewusst gewählt, um bei den Länderauswertungen statistische Schwankungsbreiten klein zu halten. Betrachtet man jedoch lediglich die Auswertung für das Jahr 2017, so ist die Armutsgefährdungsquote gesunken, heißt es aus der Abteilung.

Dass Arbeit nicht vor Armut schützt, belegen weitere Zahlen der Studie. Demnach steht an die elf Prozent aller Erwerbstätigen lediglich ein äquivalisiertes Haushaltseinkommen (Summe aller Einkommen im Verhältnis zur gewichteten Anzahl der Haushaltsmitglieder) von 10.957 Euro zur Verfügung. Sie sind „Working Poor“. Sogar 27.590 Vollzeitbeschäftigte fallen in diesen Teufelskreis. Die Armutsgefährdungsquote liegt bei Personen ohne Erwerbstätigkeit bei knapp 24 Prozent, am höchsten ist sie mit 27 Prozent bei jenen, die nicht in Österreich geboren wurden.

Soziallandesrätin Gabriele Fischer (Grüne) sieht in diesen Zahlen ein unüberhörbares Alarmsignal: „Es kann jeden treffen.“ Gegensteuernde Maßnahmen seien ein Gebot der Stunde. Ansonsten drohe für die Betroffenen ein „brutaler Fall nach unten“. Erneut kritisiert Fischer deshalb die Reform der Mindestsicherung hin zur neuen Sozialhilfe. Die Länder müssen bis Jahresende die Ausführungsgesetze zum Sozialhilfe-Grundsatzgesetz des Bundes erlassen. Umgesetzt sein muss die neue Sozialhilfe spätestens bis 1. Juni 2021, so die Übergangsfrist.

Wenn das Einkommen nicht zum Auskommen reicht

Was heißt Armut in Tirol? Und wer ist davon bedroht? Fragen, auf welche der aktuelle Armutsbericht des Landes (2015–2017) Antworten zu geben versucht. Als Basis hierzu dient das Zahlenwerk der Statistik Austria.

Im jahresübergreifenden Schnitt sind in Tirol 124.785 Personen armutsgefährdet. Sie erreichen das Schwelleneinkommen von 14.353 Euro (äquivalisiertes Haushaltseinkommen pro Jahr) nicht. Im Mittel liegt dieses in Tirol bei 22.705 Euro. Tatsächlich verfügt der von Armut bedrohte Personenkreis im Schnitt nur über ein mittleres jährliches Haushaltseinkommen von 11.027 Euro. Je weiter dieses Einkommen unter besagter Schwelle liegt, desto höher ist für die Experten die so genannte „Armutsgefährdungslücke“. Kurz: je größer, desto schlechter. Für Tirol betrug diese Lücke im Zeitraum 2015–2017 rund 23 Prozent.

Resultiert aus zu geringem Einkommen auch eine mangelnde Teilhabe an der Gesellschaft, indem man sich Mindeststandards wie Arztbesuche, regelmäßigen Fleischkonsum oder Kleidungskauf gehäuft nicht mehr leisten kann, gelten Personen als „manifest arm“. In Tirol betrifft das 4,9 Prozent der Bevölkerung bzw. 38.186 Personen.

73.907 Personen im erwerbsfähigen Alter gelten in Tirol als armutsgefährdet. Knapp 40.554 davon gingen tatsächlich einer Arbeit nach, trotzdem reichte das Einkommen nicht, die Armutsgefahr zu bannen. Sie zählen zu den „working poor“.

Verfasst hat die Studie der stellvertretende Leiter der Landesstatistik, Mario Stadler. Der Wert der Armutsgefährdungsquote der aktuellen Studie (16,1 %), so Stadler, sei leicht höher als jener des Vergleichzeitraums zuvor (2014–2016; 15 %). Dies resultiere aber daraus, dass der 2014er-Wert (10,5 %) im jüngsten Jahresdurchschnitt nicht mehr enthalten und als statistischer Ausreißer nach unten zu interpretieren sei. Tatsächlich sei „die Armutsgefährdungsquote in Tirol laut letzter Erhebung deutlich gesunken“. 2017 betrug sie 13,9 Prozent, 17 Prozent im Jahr zuvor und 2015 wurden 17,5 Prozent errechnet. Der Dreijahresschnitt werde in der Armutsstudie deshalb verwendet, um die statistischen Schwankungsbreiten zu verkleinern, sagt Stadler.

Daten und Fakten

Armut: Internationalen Standards zufolge gelten Personen, die in einem Haushalt leben, der über weniger als 60 Prozent des medianen äquivalisierten Haushaltseinkommens eines Landes verfügt, als armutsgefährdet. In Tirol lag dieses im Schnitt der Jahre 2015–2017 bei 22.705 Euro (Ö: 23.921 Euro). Folglich liegt die Armutsgefährdungsschwelle für einen Einpersonenhaushalt in Tirol bei 14.353 Euro.

EU-SILC: Für die Studie werden in Österreich pro Jahr rund 6000 Haushalte (Tirol: rd. 500) befragt.