Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 11.05.2019


Bezirk Reutte

Studie untermauert Lärmbelästigung im Außerfern

Die Motorradlärmstudie für das Außerfern liegt vor, 571 Personen aus dem Bezirk Reutte wurden befragt. Eine außergewöhnlich hohe Belästigungsquote wird bescheinigt. Experten empfehlen ein Fahrverbot an Sonntagen.

An Sonntagen im Sommer ist die objektive Belastung durch Motorradlärm im Außerfern am höchsten.

© Charly WinklerAn Sonntagen im Sommer ist die objektive Belastung durch Motorradlärm im Außerfern am höchsten.



Von Michael Domanig

Innsbruck, Reutte – Auch wenn es wegen des wechselhaften Wetters zuletzt vielleicht noch nicht so deutlich spürbar war: Die neue Motorradsaison hat längst begonnen – und damit auch die Belästigung der Anrainer durch den Motorradlärm. Besonders gilt das für den am stärksten betroffenen Bezirk Reutte. Wie brisant das Thema im Außerfern ist, zeigt nun auch die lange erwartete Motorradlärmstudie, die vom Land Tirol beauftragt und zusammen mit dem „Österreichischen Arbeitsring für Lärmbekämpfung“ erstellt wurde. Zentrale Ergebnisse wurden gestern im Landhaus präsentiert.

Für die Studie (abrufbar unter www.tirol.gv.at/arbeit-wirtschaft/esa/laerm/motorradlaermstudie-2019) wurde im Sommer 2018 zum einen die quantitative Lärmbelastung für den gesamten Bezirk gemessen bzw. berechnet – und ein Lärmmodell erstellt, das alle Lärmpegel für jedes Wohngebäude im Außerfern ausweist – aufgegliedert nach Fahrzeugklassen.

Für ein vollständiges Bild wurde zusätzlich per Stichprobe abgefragt, wie die Bevölkerung die Lärmbelästigung auch qualitativ empfindet.

Die Belastungszahlen zeigen, dass im Jahresmittelwert nicht der Motorradverkehr, sondern der zweispurige Verkehr (Autos, Lkws) die „dominante Lärmquelle“ darstellt, schickt Studienautor Christoph Lechner von der Abteilung „Emissionen, Sicherheitstechnik, Anlagen“ beim Land Tirol voraus.

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Die größte Belastung durch Motorradlärm besteht, wenig überraschend, an Sonntagen im Sommer: Da nimmt der Motorradlärm untertags um knapp vier Dezibel zu. In absoluten (Lärm-)Zahlen sind dabei Gemeinden wie Holzgau, Steeg, Häselgehr, Stanzach, Forchach, Namlos und Musau am stärksten betroffen. Betrachtet man jedoch, wo der Motorradlärm die Belastungssituation am stärksten verändert – also welche Gemeinden relativ am stärksten vom Motorradlärm belastet sind –, liegen Berwang, Namlos und Pfafflar voran.

Eine „unglaublich hohe“ Rücklaufquote (91 Prozent) gab es laut Ko-Autor David Schnaiter, Konsulent im Fachbereich Umwelt und Gesundheit, bei der Befragung der Außerferner Bevölkerung. 571 Personen wurden telefonisch befragt, kein einziges Interview abgebrochen. „Das zeigt, wie sehr das Thema den Leuten unter den Nägeln brennt.“

Die zentrale Aussage: 44 Prozent aller Befragten im Außerfern – dazu zählen also auch viele, die nicht direkt an Motorradstrecken wohnen – fühlen sich vom Motorradlärm „stark belastet“. Ein auch im internationalen Vergleich „außergewöhnlich hoher Wert, der uns sonst in der Fachliteratur nicht unterkommt“, betont Schnaiter. Zwei Drittel aller Befragten fühlen sich bei (Freizeit-)Aktivitäten im Freien, etwa im eigenen Garten, besonders gestört.

Was ist es eigentlich, das die Bürger bei Motorrädern besonders stört? Für drei Viertel ist es das hochtourige „Aufheulen“ der Motoren, für zwei Drittel zu schnelles und rücksichtsloses Fahren, für 55 Prozent das Fahren in Gruppen. Das niederfrequente Brummen gewisser Motorradtypen wird vergleichsweise kaum als störend empfunden.

„Rein von der akustischen Struktur her unterscheiden sich Motorräder und zweispurige Fahrzeuge kaum“, sagt Lechner, doch die Lärmbelästigung durch Bikes werde von den Befragten als viel höher empfunden. Dazu trage u. a. die Wahrnehmung von Motorrädern als „Gefahr“ im Straßenverkehr bei – die Mehrheit der Befragten empfindet das so. Zudem werden Motorradfahrer als überdurchschnittlich aggressive Verkehrsteilnehmer eingestuft.

Als Maßnahmen gegen den Motorradlärm fordern die Außerferner besonders mehr und strengere Verkehrskontrollen für Motorräder, höhere Strafen für zu laute Bikes, Bewusstseinsbildung und Fahrverbote für laute „Maschinen“ ein. Zwiespältig bewerten sie die Beschilderungsaktion „Bitte leise fahren“: Knapp ein Drittel sieht eine Wirkung, mehr als jeder Dritte glaubt jedoch nicht an eine solche.

Glasklar fiel Lechners Fazit aus: Angesichts der auffällig hohen Belästigungsquote sei das „Herausnehmen“ einzelner (lauter) Motorräder nicht ausreichend: „Wenn man wirklich etwas erreichen will, kommt man aus Expertensicht um ein Fahrverbot – wir empfehlen am Sonntag – nicht herum.“

Landeshauptmannstellvertreterin Ingrid Felipe (Grüne) sieht die „Argumentation für Lärmschutz“ durch die neue Studie untermauert. Sie werde mit diesen Informationen nun Verhandlungen aufnehmen und auf landespolitischer Ebene, mit den Bürgermeistern, den Tourismusverbänden und allen Betroffenen „schauen, welche Einschränkungen umsetzbar sind“. Ein Fahrverbot, wie von den Experten vorgeschlagen, schließt Felipe nicht aus, es gelte aber u. a. auf Verlagerungseffekte zu achten.