Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 16.05.2019


Exklusiv

Ab Freitagmittag wird es eng: Debatte um Ärztebereitschaft

An Wochenenden einen Arzt außerhalb des Spitals zu finden, ist in Tirol oft schwer. Das liegt auch daran, dass Wochenenddienste meist Kassenärzte stemmen. Nun sollen Wahlärzte verstärkt zum Einsatz kommen.

Die Zahl der Wahlärzte hat sich in Österreich seit 1999 von 4476 auf 10.099 erhöht. Die der Kassenärzte ist mit rund 7000 über die Jahre gleich geblieben.

© iStockphotoDie Zahl der Wahlärzte hat sich in Österreich seit 1999 von 4476 auf 10.099 erhöht. Die der Kassenärzte ist mit rund 7000 über die Jahre gleich geblieben.



Von Anita Heubacher

Innsbruck – Welcher Arzt hat Bereitschaft? In Städten lässt sich diese Frage oft leichter klären und eine nahe Anlaufstelle finden als am Land. Manche Patienten suchen gleich ein Spital auf, weil der Bereitschaftsdienst schlecht geregelt ist oder weil es einfach bequem ist, sich an die Ärzte im Krankenhaus zu wenden. Landet der Grippe-­Patient im Spital, wird es volkswirtschaftlich teuer.

Dass das Bereitschaftssystem Lücken aufweist, ist unbestritten. Unter der Woche spießt es sich weniger. Da haben viele Ordinationen ohnehin abends länger offen, egal ob sie nun von Kassen- oder von Wahlärzten geführt werden. Nachts hat in 37 der 55 Gesundheitssprengel tirolweit ein Arzt unter der Rufnummer 141 Nachtbereitschaftsdienst. 172 Ärzte sind im Einsatz, das sind 67 Prozent der Ärzte. „Die Nachtbereitschaft wird von den Patienten nicht so stark in Anspruch genommen wie die am Wochenende“, sagt der Direktor der Tiroler Gebietskrankenkasse, Arno Melitopulos. 160 Euro zahlt die Kasse für den Zwölf-Stunden-Nachtdienst unter der Woche, Leistungen werden separat abgerechnet. Die Kosten von 1,3 Millionen Euro im Jahr 2018 teilen sich Sozialversicherung und Land.

Wo es eindeutig eng wird, ist, außer in Innsbruck, ab Freitagmittag oder an Feier­tagen. Dabei ist die Ärztedichte in Österreich hoch. Wenn aber die immer größere Gruppe der Wahlärzte für Wochenenddienste nicht zu begeistern ist, müssen Kassen­ärzte weiter alleine die Dienste stemmen. Knapp 600 Euro zahlt die Krankenkasse für die Bereitschaft von Samstag sieben Uhr bis Montag sieben Uhr. Erbrachte Leistungen werden separat abgegolten. Wahlärzte machen so gut wie keine mit. Nur in Pilotprojekten. Während Melitopulos die Höhe der Honorarsätze verteidigt, hält sie der Sprecher der niedergelassenen Ärzte in der Ärztekammer, Momen Radi, für zu gering. „Es liegt nicht nur an den Honoraren. Wenn man will, dass Wahlärzte in ihrer Freizeit einspringen, braucht es andere Arbeitsbedingungen.“ Radi ist Internist und Wahlarzt.

Wahlärzte stärker ins System einzubinden, sei eine gute Idee, sagt Radi. „Je größer der Ärztepool ist, desto weniger oft trifft es den einzelnen Arzt für den Bereitschaftsdienst.“ Früher hätten vor allem junge Wahlärzte bei den Diensten mitgemacht, auch um neue Patienten zu lukrieren. „Heute lässt sich das schwer einschätzen. Die Jungen haben eine andere Einstellung zur Work-Life-Balance und auch zum Geld.“

Dass es an Wochenenden die verstärkte Einbindung von Wahlärzten brauche, sagt auch der Präsident der Ärzte­kammer, Artur Wechselberger, selbst Kassenarzt für Allgemeinmedizin. „Die Vertragsärzte sind überfordert. Es gibt nicht mehr Stellen, aber die Forderung, die Öffnungszeiten der Ordinationen auszudehnen.“ In Tirol arbeiten Ärztekammer, Sozialversicherung und Land gerade an einem neuen Notruf-System. Unter der Rufnummer 1450 soll, „wenn es weh tut“, eine Fachkraft zu erreichen sein. Sie soll dem Patienten sagen, wohin er sich wenden kann, oder hilft ihm direkt. Gibt es Unsicherheiten, fragt die Pflegerin einen Arzt. „Auch für diese Form der Bereitschaft braucht es mehr Ärzte und eine Struktur dahinter“, sagt Wechselberger. Sinn und Zweck der Übung auch hier, den Ansturm auf die Spitals-ambulanzen zu verringern.

Wien und Niederösterreich haben ein digitales Buchungssystem, wo der Patient sofort sieht, wer in seiner Nähe Bereitschaft hat. „Bei einer hohen Ärzte-Dichte ist das möglich. Da machen auch mehr Wahlärzte mit“, sagt Kassen-Direktor Melitopulos. In Tirol sei die Lage etwas anders.

Bereitschaft

Für die Bereitschaft am Wochenende gibt es eine Pauschale von 595 Euro für Allgemeinmediziner, plus die erbrachten Leistungen. Die Nachtbereitschaft kommt besser an: 37 von 55 Sprengeln sind nachts besetzt.