Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 08.06.2019


Exklusiv

„Dann muss man auch so mutig sein und Pkw dosieren“

Die Bayern mucken gegen die Verkehrspolitik des Landes auf. Die Wirtschaftskammer torpedierte das Transitpaket mit einer Gegenstudie.

Das Lkw-Dosiersystem führt zu einem Rückstau auf bayerisches Staatsgebiet. Der dortige Verkehrsminister findet das nicht lustig.

© ZOOM.TIROLDas Lkw-Dosiersystem führt zu einem Rückstau auf bayerisches Staatsgebiet. Der dortige Verkehrsminister findet das nicht lustig.



Innsbruck – Heftige Kritik an den ausgedehnten Lkw-Blockabfertigungen rund um Pfingsten übt der bayerische Verkehrsminister Hans Reichhart. „Wir halten es für den falschen Weg, den Lkw-Transitverkehr auf dieser Verkehrsader von größter Bedeutung mit Restriktionen zu belegen, ohne dass Alternativen für eine Verlagerung von Transporten auf andere Verkehrsträger in ausreichendem Umfang zur Verfügung stehen“, sagte der Politiker der Christlichsozialen Union (CSU) am Freitag. Auch der deutsche Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) forderte die österreichische Bundesregierung auf, sofort einzuschreiten und dem willkürlichen Treiben des Landes Tirol ein Ende zu bereiten.

Auch der österreichische Zentralverband Spedition & Logistik kritisierte die Landesregierung hinsichtlich der Blockabfertigungen bei Kufstein Nord scharf. Die „Verbotspraxis richtet immensen Schaden an“ und habe keine nachhaltig positiven Auswirkungen für Umwelt, Verkehr und Wirtschaft, teilte der Verband am Freitag mit. Er forderte die Landesregierung auf, „ständige Ad-hoc-Aktionen“ zu unterlassen. „Kurzfristige und einseitige Lkw-Fahrverbote, wie sie dieses Wochenende wieder auf der A12 und der A13 verhängt werden, sind ökologisch und ökonomisch kontraproduktiv“, sagte Verbandspräsident Alexander Friesz.

„Wer ernsthaft die Verkehrsmenge verändern will, der muss auch den Mut haben, über die Pkw zu reden.“
Christoph Walser (Wirtschaftskammerpräsident)
„Wer ernsthaft die Verkehrsmenge verändern will, der muss auch den Mut haben, über die Pkw zu reden.“ Christoph Walser (Wirtschaftskammerpräsident)
- Thomas Boehm / TT

Dass die Wirtschaftskammer alles andere als ein Freund der neuen, verschärften Lkw-Fahrverbote ist, ist hinlänglich bekannt. Gestern gingen WK-Präsident Christoph Walser und Spartengeschäftsführer Josef Ölhafen jedoch ungewohnt scharf in die Offensive. Und das gleich in mehreren Punkten.

Einzig in einer Einschätzung scheinen sich die Haltung der Kammer und die des Landes zu überschneiden. Nämlich in der, dass Tirol ein Transitproblem hat. „Die letzten 20 Jahre hat man nur dem Lkw-Verkehr die Schuld dafür gegeben“, fordert Walser Schwarz-Grün im Land aber auf, endlich den Tatsachen ins Auge zu sehen: „Der Pkw-Verkehr ist das weit größere Problem.“ Die Rede sei stets nur von den rund 2,5 Mio. Transit-Lkw über den Brenner, so Walser. Dass 2018 im selben Zeitraum 11,4 Mio. Pkw den Alpenpass querten, werde indes nur selten als Problem gesehen. „Die Debatte geht einfach in die falsche Richtung“, so Walser. Und ebenso der geplante Fahrverbotskatalog.

Eine Annahme, die die Wirtschaftskammer gestern mit Zahlen untermauerte. Hatte man doch die TU Graz damit beauftragt, sich Ist-Stand des Verkehrs und Auswirkungen der Verschärfungen auf die Tiroler Wirtschaft und die Luftbelastung anzuschauen. Man könnte auch sagen: ein Gegengutachten zu den Fakten und Expertisen des Landhauses, mit welchen die neuen Fahrverbote – im Begutachtungsentwurf – begründet wurden.

Das Fazit der Kämmerer und ihre Schlüsse aus der Studie sind vernichtend. Auch ohne die (politischen) Fahrverbote würde sich die NOX-Belastung im Unterland reduzieren – resultierend aus der kontinuierlichen Lkw-Flottenverbesserung. Die positiven Auswirkungen des Transit-Pakets wären daher, so die Studie, nur marginal. Denn der Anteil der Lkw an der Gesamtschadstoffbelastung werde von Jahr zu Jahr kleiner. „Selbst bei einem völligen Verbot von Lkw würden die Grenzwerte nicht eingehalten“, so Ölhafen.

Gehe es um die Menge, dann müsse die Landesregierung deshalb „auch so mutig sein und die Pkw dosieren“, lässt Walser aufhorchen. Umso mehr fordert er in Richtung Landhaus die Abkehr vom Euroklassen-Fahrverbot sowie beim sektoralen Fahrverbot den Fortbestand der Ausnahme für Euro-6-Lkw, dito auch beim Nachtfahrverbot, was den Ziel- und Quellverkehr in ganz Tirol betrifft. Ansonsten treffe man in erster Linie nur die kleinstrukturierte Tiroler Wirtschaft. (mami, pn)